Fleury – Ressentiment und Heilung – Teil 1

Vorgeplänkel

Wenn man in Paris mit dem Flixbus ankommt, hat man manchmal das Glück, in Paris-Bercy zu landen. Nicht, weil diese Station so schön ist, im Gegenteil. Es gibt wenig nervigeres, als auf abgeschalteten Bildschirmen hoch über den Köpfen einen QR-Code von einem ausgedruckten Din-A4 Zettel abzuscannen, um dann eine pdf-datei aufs Handy gedownloaded zu bekommen, auf der dann in einer langen excel-Tabelle irgendwo steht, von welcher Plattform der nächste Bus fährt. Nein, das ist es wirklich nicht. Aber diese Station ist direkt am Fluss. Und ich liebe die Seine. Oder ich liebe es, bei so nem Umstieg etwas an der Seine entlangzuspazieren. Oder drüber hinweg. Und da freue ich mich schon, dass die Brücke hier in Bercy Simone-De-Beauvoir-Brücke heißt. Und auf der anderen Seite war ein Gebäude, das mich mit seinen Brutalistischen Türmen, die jeweils mit ihre Enden im 90-Grad-Winkel aufeinander deuten, und dem dazwischen ausgelegten Holzfußboden, der ob seiner Höhe als Dach fungiert, faszinierte. Das ist die Französische Nationalbibliothek, wie ich erfuhr!

Die Simone de Beauvoir Brücke. Im Hintergrund die Türme der Nationalbibliothek.

Wahnsinn, dachte ich, ich liebe Bibliotheken. Und ich musste auf Klo. Und ich liebe Bibliotheken unter anderem deshalb, weil sie einer der Orte sind, wo man recht easy kostenlos auf eine Toilette gehen kann. Palaces for the People eben, wie Klinenberg sie treffend feierte. Eingelassen in die Mitte der Bibliothek war dann noch so ein Mini-Wald, um den das Ganze aufgebaut ist. Und drumherum auf dem Dach / Fußboden übte eine Gruppe Menschen grade Hip-Hop-Tanzschritte. Und drüben spielten Menschen irgendein Wurfspiel und eine progressive Pride Flagge hing bei ihnen. Um reinzukommen muss man erstmal durch eine Flughafen-like Sicherheitskontrolle, was mich erstmal abschreckte, aber die Leute, die dort arbeiteten, waren total freundlich. Drinnen läuft man dann über samtrote Teppiche durch hohe Gänge und Hallen, und es waren so, so viele Leute da am studieren auf so’n random Samstag. Das war schon schön. Am Ende stand ich dann im Bibliotheksshop, und der lag voll mit französischer Literatur, so die ganz neuen Sachen, so die politischen Sachen, irgendwelche Gesprächsbände oder Theoriebücher. Und da hab ich ja ne Schwäche für (hence, dieser Blog.) Speziell französischen Intellektuelle. Einerseits, weil sie eh Kanon sind, die Foucaults und Bourdieus und Beauvoirs und wie sie alle heißen. Aber auch historisch. 1848, 1968 – bevor in Deutschland was gemacht wird, passiert erstmal was in Frankreich. 1789 eh. Was die in Frankreich schon denken, das denken wir in Deutschland noch gar nicht, so ist immer mein Eindruck. Und genau so stand ich fasziniert vor dem Bücherberg und mit einem großen Problem: Ich spreche kein Wort Französisch.

Ich werd schwach…

Ein Glück gibt es Übersetzer:innen. Und selbst wenn es dann später hier ankommt – ich bin dankbar! Und so ist es auch, dass Cynthia Fleurys Buch Ci-Git l’amer – Guérir du ressentiment schon 2020 im Original erschien. Und dann ein paar Jahre später in der Deutschen Übersetzung als Hier liegt Bitterkeit begraben – Über Ressentiments und ihre Heilung. Deshalb: Danke Andrea Hemminger für’s Übersetzen!

Das Buch

Mir wurde das Buch dann im Sommer geschenkt (Danke dir, Lea!) und es war wirklich mein Lieblingsbuch des vergangenen Jahres. Es hat mich auch echt lange begleitet. Einerseits weil’s wirklich toll ist, andererseits weil’s wirklich kompliziert ist. Ich hab dann Leuten immer vorgeschwärmt: „Es ist das beste Buch über Rechtspopulismus, das ich gelesen habe!“, aber wenn’s dann darum ging, was und wie daran so gut ist, wurd’s schwierig. Das Buch ist einfach schwierig zu Überblicken. Es ist in 64 relativ kurze Kapitel gegliedert, die auf drei übergeordnete Bereiche verteilt sind. Die drei Bereiche sind:

  1. Das Bittere. Was der Mensch des Ressentiments erlebt. (I.1 – I.27)
  2. Faschismus. Zu den psychischen Quellen des kollektiven Ressentiments. (II.1 – II.10)
  3. Das Meer. Eine offene Welt für den Menschen. (III.1 – III.17)

Damit korrespondieren sie fast zu dem im Buch häufig gebrauchten Dreiklang aus l’amer (das Bittere), la mère (die Mutter) und la mer (das Meer). Interessant, das Mutter hier quasi durch Faschismus ersetzt wird. Oder andersrum.
Mit diesem Artikel möchte ich herausarbeiten und zusammenfassen, was für mich die wichtigsten Ideen und Perspektiven dieses Buches sind.
Damit Du in Zukunft glänzen kannst, bei leichtpolitischen Diskussionen, und jederzeit eine interessante, neue Perspektive einwerfen kannst. Denn davon gab es in diesem Buch einige.
Vielleicht deshalb vorab noch ein Wort zur Perspektive dieses Buches. Fleury ist Psychoanalytikerin und Philosophin. Die Texte, auf die sie sich bei der Psychoanalyse bezieht, sind jedoch weniger Freud, und mehr Adorno, Reich und Fanon, denen jeweils mehrere Kapitel gewidmet sind.
Und damit steigen wir ein, in die Bitterkeit.

„Immer wieder (immer wieder) Wiederholung (Wiederholung).
Immer wieder (immer wieder) fröhlich sein.“

Frittenbude – Und täglich grüßt das Murmeltier

Was ist Ressentiment?

„Jeder Mensch kennt das Ressentiment“ (I.2, S. 16).
Es ist ein Groll gegenüber bestimmten Menschen(-Gruppen), der immer wieder in einem auftritt; Der nicht nur einmal da ist, sondern wieder und wieder erlebt wird.

Fleury folgt in ihrem Buch der Definition des Ressentiments von Max Scheler als „das wiederholte Durch- und Nachleben einer bestimmten emotionalen Antwortsreaktion gegen einen anderen“ (I.3, S. 18).
Gegen einen anderen. Es wird Groll gehegt gegen jemanden.

Das Buch zu lesen ist auch eine Konfrontation mit den eigenen Ressentiments. Mit dem eigenen Groll, den man gegen bestimmte Menschen(-Gruppen) hegt.

Dennoch merkt Fleury an, „dass es in der Fähigkeit, zu ihrem eigenen Ressentiment auf Distanz zu gehen, einen radikalen Unterschied gibt. Auch wenn jeder Mensch es kennen kann, wird nicht jeder Mensch zum Ort seiner Verfestigung.“ (I.2, S. 16)

Menschen unterscheiden sich also darin, wie sehr sie zum Verstärker für ihr eigenes Ressentiment werden.

Nicht alle kauen ihren Groll wieder und wieder durch. Doch wenn der Groll immer und immer wieder durchgekaut und nacherlebt wird, gräbt er sich jedes Mal tiefer ein. Er ist bitter, und fad, wie das Wieder-Kauen einer lang durchgekauten Mahlzeit (I.3).

Und ich finde das eine sehr treffende Beobachtung.
Vielleicht kennst du selber Kolleg:innen, die sich in schöner Regelmäßigkeit über (Menschengruppe xy) auslassen.
Ein Familienmitglied, das sich immer und immer wieder über die gleichen Leute in Rage redet.
Oder Kommentarspalten, die zu unterschiedlichsten Anlässen immer wieder zusammenkommen, um ihre Verachtung einer bestimmten Menschengruppe gegenüber auszudrücken.

Es ist routiniert, dieses „sich-auskotzen“
Es ist ein Ritual.

Immer daran erinnert werden wollen

Um das Ritual auszulösen, reicht es schon, das Objekt des Hasses einfach zu beobachten, es muss gar nichts „Falsches“ tun (I.27)
Ich finde, das trifft es ganz gut – wie ich über Nazis denke, oder AfDler über Flüchtlinge.
Hauptsache, ein Objekt, an dem die Wut ausgelassen werden kann (I.27, S. 112). 

„Der Mensch des Ressentiments kann dann sein Ressentiment ständig reaktivieren, indem er einfach das Leben des Objekts seines Ressentiments betrachtet, unabhängig von der Beschaffenheit seiner Handlungen und Gesten. Der bloße Anblick des verhassten Objekts kurbelt die negative Energie des Ressentiment-Menschen unablässig an, und er will noch mehr davon haben“ (I.27, S. 113)

Das verdeutlich Fleury auch an dem Beispiel des antiken Dareios I., der „»um die ihm von den Athenern zugefügte Schmach nicht aus dem Gedächtnis zu verlieren, […] einem Knaben befahl, ihm jedes Mal, wenn er sich zu Tisch setzte, dreimal ins Ohr zu rufen: »Herr, vergeßt die Athener nicht!««.“ (I.27, S. 114)

Populist:innen, sei es von der AfD oder von Nius, nutzen diesen Trick, sie übernehmen die Funktion dieses Knabens. Beziehungsweise, den „Folgen“-Buttons zu klicken bei Nius, AfD und co auf Social Media ist wie das Befehlen des Knabens, einem jedes Mal ins Ohr zu rufen: „Herr, vergesst nicht die Grünen/die Ausländer/die Woken/…“ Wer der AfD zu folgen beginnt, wird ängstlicher (Adena und Huck 2024). Das ist Absicht. Und zwar – ich unterstelle – von beiden Seiten! Wer die AfD abonniert, weiß, was er/sie sich da in den Feed spült. Wer Nius aufruft, weiß, was ihn/sie da erwartet. Es ist der Knabe. 

„Hier sieht man, dass der Ressentiment-Mensch absichtlich jene kleine Stimme kreiert, die ihn an die Erniedrigung erinnert, und zwar genau dann, wenn er sich entspannen und ein einfaches Essen genießen soll.“ (I.27, S. 114) Oder wenn er sich entspannen und auf die Couch legen soll. Und beim auf die Couch legen erstmal das Handy zückt, Social Media öffnet und übelst Puls bekommt, weil sein AfD-Kanal-Knabe ihm ins Ohr brüllt: „Herr, vergesst nicht die Grünen/die Ausländer/die Woken/…“

Alles schon versucht, es klappt nicht

Menschen im Ressentiment zeichnen sich auch dadurch aus, dass sie alles ablehnen, was sie aus ihrer Misere befreien könnte.
Nicht weil sie die Lösung ablehnen würden, sondern weil sie es schon versucht hätten und es nicht klappt.

„Das Subjekt widersetzt sich der Aussage und widersetzt sich der Lösung: Es hat dies schon erlebt oder getan, es, das in der Regel seit längerer Zeit nichts mehr getan hat. Das Subjekt kennt, hat getan, hat versucht, und es funktioniert nicht. Es wird nicht sagen, dass es gescheitert ist, sondern dass »es nicht funktioniert«“ (I.24, S. 98).

„Sein Gegenstand scheint die Verhinderung jeglicher moralischen Überwindung zu sein; sein Ziel: sich selbst dem Scheitern zu verschreiben, Sie dem Scheitern zu verschreiben, Sie, die Sie versuchen, eine Lösung zu schaffen.“ (I.4, S. 24)

„Die einzige Fähigkeit des Ressentiments, in der es brilliert, ist: zu verbittern, die Persönlichkeit zu verbittern, die Situation zu verbittern, den Blick auf die Welt zu verbittern.“ (I.4, S. 24)

Die politische Konsequenz hieraus ist für mich, einen weitverbreiteten Ansatz in der Politik zu hinterfragen. Dieser technokratische, „jetzt-Krempeln-wir-die-Ärmel-zwei-und-drei-Mal-hoch“ und „lösen-das-Problem“-Ansatz.
Er ist toll, dieser Ansatz. Aber er vergrößert den Widerstand.
Er ist nicht geeignet, dem Ressentiment zu begegnen.

Denn die Verweigerung eines Ausweges ist alles, was das Ressentiment noch hat. Es ist der letzte Punkt, der es noch zum Subjekt macht. „(I)hm dieses »Negative« zu nehmen, macht ihn noch aggressiver.“ (III.9, S. 257)
Und gibt ihm noch mehr Anlass, gegen dich und deine (in der zynischen Sprache des Ressentiments) „ach-so-tolle“ Lösung zu arbeiten.

Entzauberung der Welt

Ressentiment ist auf eine Art die Ent-Zauberung der eigenen Welt; Es ist die Abkehr von der Bewunderung, von der Neugierde (I.19, S. 78), vom Interesse (vom inter-esse, von dem, was zwischen uns Menschen ist).

Bewunderung ist nach Fleury ein „vernünftiges Gefühl“ (I.19, S. 80). Im Ressentiment kommt es abhanden, nichts und niemand wird mehr respektiert, alles wird klein und mittelmäßig. Aber sie sind auch ein bisschen verzückt von ihrem eigenen Ressentiment: „Das Ressentiment dient nicht nur dazu, die Erinnerung an das aufrechtzuerhalten, was als Verletzung empfunden wurde, es erlaubt auch den Genuss dieser Erinnerung“ (I.4, S. 27). Man gewinnt eine gewisse Lust an der steten Wiederholung des Grolls, und will ihn gar nicht mehr ablegen.

Es ist besser, das Ressentiment zu präventieren

Entsprechend betont Fleury auch immer wieder:
„Noch einmal: Es ist besser, von der Seite der Prävention des Ressentiments her zu arbeiten, denn ist die Grenze zum Ressentiment einmal überschritten, ist es schwer, wieder zurückzukommen.“ (III.9, S. 259)

„[D]enn wenn die Schwelle einmal überschritten ist, ist etwas vom […] intersubjektiven Vertrauen erschüttert, gleichsam erodiert.“ (III.9, S. 260)

Einer von vielen Wegen, um nicht über die Schwelle zum Ressentiment zu treten, ist einer kreativen Tätigkeiten nachzugehen, wie dem Schreiben.

Einer der schrieb, obwohl er allen Grund hatte, festen Groll zu hegen, ist Paul Celan.

Auf diesen kommt Fleury zu sprechen, indem sie ihn nach Michel Bousseyroux zitiert:

„»Ich will Ihnen sagen, wie schwer es ist, als Jude Gedichte in deutscher Sprache zu schreiben. Wenn meine Gedichte erscheinen, kommen sie wohl auch nach Deutschland und – lassen Sie mich das Entsetzliche sagen – die Hand, die mein Buch aufschlägt, hat vielleicht die Hand dessen gedrückt, der der Mörder meiner Mutter war … Und es könnte noch Schlimmeres passieren … Aber mein Schicksal ist dieses: Deutsche Gedichte schreiben zu müssen.«“ (II.4, S. 140-141).

Ein bekanntes Zitat von Paul Celan bringt für mich in Kombination mit einem Deutschen Sprichwort nochmal auf den Punkt, weshalb es relevant ist, Ressentiment als ein andauernd wiederholtes Ritual zu begreifen und diese ständige Wiederholung zu verhindern:

„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland.“

Übung macht den Meister.

Weiter geht es in Teil 2.


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Kommentare

3 Antworten zu „Fleury – Ressentiment und Heilung – Teil 1“

  1. […] es in den ersten beiden Teilen um das Ressentiment ging, geht es in diesem dritten Teil um… Heilung!(Muss dem […]

  2. […] mit Fleury gesprochen, ist es auch einfach eine der vielen Übungen und Wiederholungen des Ressentiments, des […]

  3. […] ersten Teil ging es darum, was der Mensch im Ressentiment […]

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