Fleury – Ressentiment und Heilung – Teil 3

Nachdem es in den ersten beiden Teilen um das Ressentiment ging, geht es in diesem dritten Teil um… Heilung!
(Muss dem Titel ja gerecht werden.)
Doch das ist nicht so leicht.
Erstens, weil ich es immer leichter finde, etwas „Negatives“ wie das Ressentiment zu beschreiben, als dessen Lösung.
Zweitens, weil auch Fleury viel mehr Seiten darauf verwendet, das Ressentiment zu beschreiben, als dessen Heilung.
Drittens, weil diese Heilung, und darauf kommt auch Fleury immer wieder zu sprechen, echt nicht so einfach ist.

„Noch einmal: Es ist besser, von der Seite der Prävention des Ressentiments her zu arbeiten, denn ist die Grenze zum Ressentiment einmal überschritten, ist es schwer, wieder zurückzukommen.“ (III.9, S.259)

Wie das aber gehen kann, darum geht es in diesem Artikel. Viel Spaß!

Viele Wege führen aus dem Ressentiment

Ich habe mir mal den Spaß gemacht, und eine kleine Sammlung versucht.

Fleurys Buch ist nämlich keines, das am Ende mit einer schmissigen: „Hier sind meine 10 Top-Tipps für die Überwindung des Ressentiments! :)“ um die Ecke kommt. Im Gegenteil. Sie arbeitet sich durch viele Theorien, ihre eigene klinische Erfahrungen, durch Literatur, und kommt dabei immer wieder auf mögliche Lösungsansätze zu sprechen.

In diesem Artikel möchte ich diese einmal zu sammeln und zu diskutieren.

Deshalb, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, hier die Liste:

Die 7 Top-Tricks, die DU anwenden kannst, um dein Ressentiment zu überwinden!

1. Geschmack an der Bitterkeit finden

Der erste Trick ist einer, den Fleury als den der Stoiker bezeichnet:

„Man müsste Geschmack an der Bitterkeit finden können; das wäre wohl die stoische Lektion par excellence. Nicht für Bitterkeit sorgen, doch wenn sie einmal da ist, sie goutieren können, ohne schwach zu werden.“ (I.12, S.51)

Jeder Mensch kennt die Bitterkeit. Ein Leben ganz ohne mit dem Ressentiment in Berührung zu kommen, ist eine Illusion.

Es geht also darum, sich darin nicht zu verfangen, darin nicht stecken zu bleiben.
An der Bitterkeit nicht zu Verbittern.

Also ist der Vorschlag hier, es einfach zu akzeptieren, dass das Leben hin und wieder mal bitter schmeckt. Diesen Geschmack zuzulassen, und dann auch wieder wegspülen zu lassen, von anderen Geschmäcken.

Doch was, wenn keine anderen Geschmäcker kommen?
Wenn einfach nur und nur Bitterkeit kommt?
Hier kommt das stoische ins Spiel: Einfach weitermachen, die Bitterkeit ertragen und vielleicht sogar ein bisschen zu genießen lernen.

Das ist der Punkt wo ich selber sage: Puh! Geschmack an der Bitterkeit finden? Für mich sieht Freude im Leben dann doch ganz anders aus. Zum Beispiel, mich mit Freund:innen verbunden zu fühlen, ganz tief aus dem Bauch heraus lachen, über etwas, dass wer in Liebe mit Humor gesagt hat, ohne wen niederzumachen – all das ist Freude, und gar nicht bitter.
Also, nur die Strategie des Geschmacks an der Bitterkeit zu fahren, naja.
Aber es kommen ja noch sechs weitere.
Und diese erste ist auf jeden Fall trotzdem eine, die man im Repertoire haben kann.

2. Zum eigenen Unglück auf Distanz gehen

Der zweite Trick ist dem ersten nicht unähnlich.
Die Ähnlichkeit besteht darin, dass man auch hier versucht, ein neues Verhältnis zu seiner Bitterkeit herzustellen.

Ging es im ersten jedoch darum, Geschmack an der Bitterkeit zu finden, geht es in diesem darum, Distanz zu ihr herzustellen.

Dazu mal ein längeres Zitat von Fleury:

„Es ist wahr, dass es nicht einfach ist, der Meinung zu sein, dass das eigene Unglück, wenn es ernst ist, nicht ernst genommen werden darf. Das ist Arbeit, eine Selbstüberwindung, die ziemlich unangenehm ist, da man sich entfernen, Distanz schaffen muss – jene Distanz, die wir gegenüber dem Unglück der Welt einnehmen, die uns also nicht fremd ist, nur dass es sich dabei nicht unbedingt um eine Distanzierung, sondern um Ignoranz, Mangel an Empathie oder Achtung, kurz, um Egoismus handelt. Wir glauben, dass wir das Unglück der Welt ernst nehmen, aber die Realität sieht ganz anders aus. Wir nehmen es nicht ernst. […] Nichtsdestotrotz ist es schwer, weil wir zu dem emotionalen Stachel, der uns quält, Distanz schaffen müssen.“ (I.19, 81)

Ich finde den Vergleich, den sie hier macht, ziemlich spannend:

Das eigene Unglück so wenig ernst nehmen, wie man das Unglück der Welt ernst nimmt.

Es besteht also eine Verbindung hier. Während der Mensch im Ressentiment ignorant ist gegenüber dem Leid anderer, ist sein eigenes Leid für ihn ganz zentral.

Und das ist ja auch völlig nachvollziehbar, wie Fleury auch mit dem Verweis auf den quälenden Stachel schreibt. Der sticht einen nunmal ganz direkt.

Es bringt jedoch keine Linderung, wenn man diesen Stachel umdreht, und einfach auf diejenigen einsticht, die neben einem am Boden liegen.
Auch wenn das der Reflex des Menschens im Ressentiment ist, in seinem Wunsch nach Gleichheit.

Das Distanzieren vom eigenen Leid hat also eine doppelte Funktion:

  • Einmal, nicht so vollkommen eingenommen sein von der eigenen Perspektive.
  • Und dann auch mehr Platz zu haben, um auch das Leid der anderen in der Welt zu erkennen.

Dass das nicht einfach ist, ist klar.
Aber es ist eine Möglichkeit.

3. Andere Bewundern

Noch weiter geht es in dem dritten Punkt: Bewunderung für andere zu empfinden.

Das heißt hier „zu bewundern, in dem Sinne, dass man bei ihnen auch die Einzigartigkeit erfasst“ (I.19, S.80).

„Einer der grundlegenden Punkte bezüglich der »Eigenschaften« des Ressentiments ist die Tatsache, nicht mehr sehen zu können, den Zugang zum richtigen Blick auf die Dinge zu verlieren, die Fähigkeit zur Verblüffung und, einfacher gesagt, zur Verwunderung zu verlieren – also nicht nur die Blindheit, sondern die Verzerrung von allem, so als habe sich das Subjekt die Augen ausgestochen, so als habe es auch den Zugang zu seiner eigenen Befähigung zum Edelmut verloren.“ (I.19, S.78)

Mit einem offenen und bewundernden Auge auf andere Menschen zu blicken, ist somit ein Gegenmittel gegen das Ressentiment.

Auch das braucht Übung. Aber es lässt sich auch Üben. Es ist sogar recht witzig, zum Beispiel in der S-Bahn zu sitzen, an einem stinknormalen Wochentag, wo alle Menschen in der Bahn genervt sind, du am meisten, und die anderen Fahrgäste anstarrst und… und dann versucht, mal dieses bittere Starren durch einen bewundernden Blick zu ersetzen; Versuchst, in allen Menschen um dich rum das bewundernswerte zu finden. Es bewirkt Wunder.

„Die Bewunderung steigert unsere Fähigkeit zur Aufmerksamkeit, ja sogar zur Liebe“ (I.19, S.79).

4. Einander Anerkennung geben

Der vierte Punkt ist mit dem dritten verwandt. Er geht aber auch über ihn hinaus.

Er geht darüber hinaus in dem Sinne, dass beim vorherigen Punkt die Bewunderung bei einem selber bleibt. Man kann sie empfinden, ohne dass nach außen eine Veränderung bemerkbar wäre.

In diesem Punkt geht es aber darum seine Bewunderung für die Welt, seine Anerkennung anderen Menschen gegenüber, auch auszudrücken.

Hierbei ist die Schwierigkeit, dass man ja selber, wenn man sich im Ressentiment oder kurz davor befindet, den Eindruck hat, dass niemand sonst einem selber Anerkennung gibt. Das ist die Hürde. Über die muss man rüber, und einfach selber anfangen, Anerkennung in die Welt zu tragen, unabhängig davon, ob andere das einem gegenüber vorher taten.

Es ist die Umkehrung des Prinzips: Ich, der dich nicht achte, verdiene Achtung.

„Die Erniedrigung ist das Übel, das die ressentimenthaften Seelen verfaulen lässt; sie sind nicht mehr in der Lage, eine Ethik der Anerkennung zu vertreten, und machen dabei geltend, dass sie keine Anerkennung erfahren haben, was im Übrigen stimmt.
Aber den anderen Anerkennung zu zollen ist noch ein weiterer Schritt, den das bloße Fehlen von Anerkennung nicht obsolet machen kann. Wer den Weg der Individuation wagt, ist notwendig gezwungen, dabei über die Ethik der Anerkennung zu gehen, selbst wenn er sie vollständig erfinden muss – eben durch die Sublimierung -, wenn er in seinem Leben nicht einmal eine Spur davon gesehen hat.“ (II.5, S.229)

Ich finde, das kann man durchaus kritisch sehen: Wieso soll man diesen Aufwand betreiben? Anderen Anerkennung geben, obwohl die einem selber keine geben?

Finde ich eine legitime Frage, die man sicher auch legitim mit: „Mach ich nicht!“, beantworten kann.

Aber:
Zum einen mache ich die Erfahrung, dass es oft auch einfacher ist, Anerkennung zu erhalten, wenn man selber welche gibt; Dass menschen freundlicher zu einem sind, wenn man selber freundlicher ist.

Zum anderen hört es ja dabei nicht auf. Es geht nicht nur darum, anderen etwas zu geben. Es geht auch darum, sich selber etwas zu geben.

5. Für sich das Schöne wollen

Der Mensch im Ressentiment zeichnet sich ja auch dadurch aus, dass er alles ganz klein macht, auch sich selber.

Er will für sich „kleinen Mann“ zwar Rache, aber eines wirklich schönen, glücklichen, verwirklichten Lebens fühlt er sich dann auch nicht würdig.

Eher gibt es da so eine Art Todes- und Zerstörungslust: „»Wenn wir hinnehmen, daß andere uns überleben, so in der Hoffnung, daß sie dafür bestraft werden.«“ (III.7, S.243, zitiert aus E. M. Cioran – Vom Nachteil, geboren zu sein)

Der Mensch im Ressentiment weiß, dass er nicht gut ist. Er ist kein Gutmensch.

„Nicht das liebe kleine unschuldige Wesen zu sein, ist eine Entdeckung, die man jeden Tag macht und die das ganze Leben lang andauert. […] immer von der fehlenden Unschuld geplagt, kann man es leugnen, sich aber nicht davon lösen. Von da an eröffnet sich der Weg der Wiedergutmachung. Der wahre Weg der Wiedergutmachung ist jedoch nicht der Weg der Wiederholung: Man kann das Fehlen der Unschuld nicht ständig wiederholen und sich damit begnügen, es zuzugeben und sich dafür zu entschuldigen, ja es zu bemängeln. Diese Form, seine eigene Nicht-Unschuld zur Kenntnis zu nehmen, hat den Anschein falscher Bescheidenheit. Man erkennt hier seine Unzulänglichkeit nicht an, um zu versuchen, sie zu überwinden, sondern um sich darin einzurichten, indem man sie letztendlich für auskömmlich hält. Diesen Punkt beschreibt Deleuze gut, wenn er seinen Leser auffordert, sich vor jemandem in Acht zu nehmen, der sich selbst als einem anderen nicht ebenbürtig beschreibt, ihn für großartig und sich selbst für unwürdig erachtet. Das ist die stilisiertere Version des Ressentiments, die große Deklaration der Minderwertigkeit. »Wir sollten auch denen mißtrauen, die im Angesicht des Guten oder Schönen – sich selbst anklagend – behaupten, es nicht zu verstehen, seiner würdig zu sein: ihre Bescheidenheit macht allemal Angst. Wieviel Haß gegenüber dem Schönen steckt nicht in solchen Deklarationen der Unbedarftheit und Minderwerigkeit.«“ (I.26, S. 104-105, zitiert aus G. Deleuze – Nietzsche und die Philosophie, S.128)

Es ist also eben auch keine Lösung, zu sagen: „Die Welt ist halt schlecht, ich bin es auch.“ und sich dann immer und immer wieder anderen Menschen gegenüber schlecht zu verhalten.

Und ein Weg daraus, ist eben auch zu sagen: „Hey, auch ich bin des Schönen würdig.“

Denn meiner Meinung nach verdienen natürlich auch sie das Schöne! Jede:r Mensch tut das! Ist doch gar keine Frage.

Gönnt euch selber was Schönes, um dann auch mehr Schönheit in die Welt bringen zu können.

6. Sich beim Vergnügen anstrengen

Aber das ist gar nicht so leicht.

Fleury diagnostiziert dem Menschen im Ressentiment (oder dem Menschen generell) eine „Unfähigkeit […] sich beim Vergnügen anzustrengen“ (II.2, S.131).

„Der Mensch ist bei der Arbeit der Automatisierung ausgesetzt; diese ist jedoch dermaßen in der gesamten Gesellschaft verbreitet und betrifft so viele entscheidende Elemente, dass das Individuum nicht mehr in der Lage ist, in seiner Freizeit etwas anderes als das Standardisierte, Automatisierte aufzunehmen: »Dem Arbeitsvorgang in Fabrik und Büro ist auszuweichen nur in der Angleichung an ihn in der Muße. Daran krankt unheilbar alles Amusement. Das Vergnügen erstarrt zur Langeweile, weil es, um Vergnügen zu bleiben, nicht wieder Anstrengung kosten soll«“ (II.2, S.131, zitiert aus M. Horkheimer / T. W. Adorno – Dialektik der Aufklärung, S.122f.)

Also ich kenne das von mir ganz gut. Ich komme von der Arbeit nach Hause, und bin so fertig, dass ich einfach nicht die Energie mehr habe, um noch was wirklich Schönes zu tun. Aber trotzdem brauche ich noch irgendeine Art von Aufheiterung, einfach um morgen wieder zur Arbeit gehen zu können. Also schaue ich irgendetwas, oder scrolle und scrolle und scrolle… Und nach ein paar Stunden derselben Wiederholung denke ich dann: Mensch, das war gar nicht erholsam, ich bin noch fertiger als vorher.

Andere Arten des Vergnügens, die wirklich einen Unterschied machen, sind hingegen oft erst einmal anstrengend.

Zum Beispiel, eine Party zu schmeissen – Das ist viel Aufwand!

Oder ein Bild zu malen, oder ein Buch schreiben (Hier sind wir schon beim Thema Kunst machen, dem 7ten Trick).

Ein Spiel zu spielen – das muss man lernen, dazu braucht man gegebenenfalls Mitspieler:innen.

Sich mit Freund:innen zu verabreden

Nach draußen zu gehen (Das braucht oft genug auch Anstrengung)

Oder gar wo hin zu fahren.

Über welche Anstrengungs-Hürden könntest du springen, um dich zu vergnügen?

7. Kunst machen

Der letzte Ratschlag, den Fleury gibt, ist: Beschäftigt euch, macht Kunst!

Und es ist der Ratschlag, der finde ich, am häufigsten im Buch vorkommt.

Für Kunst gilt das gleiche wie für alle anderen zuvor genannten Vergnügen: Es braucht Anstrengung. Aber das ist das letzte was man will, wenn man im Ressentiment steckt: sich anstrengen. Weil: Keine Kraft, keine Energie, … (III.7)

Aber im Unterschied zu anderen Formen der Beschäftigung, hat Kunst noch etwas ganz eigenes, und zwar die Kraft der Sublimierung.

Das heißt, dass sich beim Kunst machen etwas in einem verändert.

Kunst zu machen, transformiert einen.

Und ein Teil der Bitterkeit, die in einem steckt, wird von dem Pinsel auf das Bild gedrückt, von dem Stift auf die Seite gebracht, und ist danach nicht mehr so stechend in einem.

Deswegen ist Kunst zu machen nochmal auf mehr Ebenen wirksam gegen das Ressentiment. Es vergnügt einen nicht nur, lässt einen nicht nur Bewunderung für andere Künstler:innen empfinden, sondern verändert auch den Schmerz und die Bitterkeit, die in einem stecken (und ist grade deshalb dann doch auch nicht immer vergnügsam).

Ich finde es recht witzig, dass Fleury die Praxis der Kunst so hervorhebt.

Denn dies korrespondiert zu dem viel gemachten Spruch:

„Man, wäre Hitler mal an der Kunstakademie aufgenommen worden, haha…“

…und suggeriert, dass darin vielleicht doch ein Fünkchen Wahrheit steckt.

Nach dem Motto: Ja. Wäre Hitler bei der Kunst geblieben, sein antisemitisches Ressentiment wäre vielleicht nicht so angewachsen. (Wobei man einschränkend hinzufügen muss, dass es auch reichlich antisemitische Künstler:innen gab. Aber eben nicht mit einem solch ausgeprägten wie bei Hitler.)

Das Offene

Tja, soweit die Top-7 Tricks, um sein Ressentiment zu überwinden.

Vielleicht entdeckst du noch mehr in Fleurys Buch!

Und den einen Satz, der für mich all diese Ansätze sehr treffend auf den Punkt bringt:

„Das Offene gegen das Ressentiment, definitiv.“ (II.10, S.184)


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Kommentare

2 Kommentare zu „Fleury – Ressentiment und Heilung – Teil 3“

  1. […] birgt auch mit Blick auf Fleurys Analyse des Ressentiments eine Gefahr: Dort ist Kunst-machen einer der Wege, um die Ausbildung eines Ressentiments zu […]

  2. […] nächsten Teil geht es deshalb um Prävention und Heilung: „Das Offene gegen das Ressentiment, definitiv“ […]

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