Im ersten Teil ging es darum, was der Mensch im Ressentiment erlebt.
Es ging um seine Routine im Groll-hegen.
Und um die Verbitterung.
Es wurde aber auch deutlich, dass Ressentiment heißt, einen Groll gegen andere Menschen zu hegen.
Deswegen schauen wir in diesem zweiten Teil noch einmal mehr darauf, was das Ressentiment für das Zwischenmenschliche bedeutet.
Gleichheit
Für den Menschen im Ressentiment sind alle Menschen gleich (I.5).
Warte, was?
Für die AfDler, mit all ihrem Rassismus, sollen alle Menschen gleich sein?!
Ja! Und zwar so:
Flüchtlinge, zum Beispiel, sind aus Sicht des Ressentiments genauso hilfebedürftig wie Deutsche Durchschnittsbürger. Die gesamte Fluchterfahrung, der Verlust der Heimat, von Familie und Freunden, das Trauma, die Gewalterfahrungen, die nicht anerkannten Berufsabschlüsse, … – all das wird ausgeblendet. Für den Mensch im Ressentiment ist eine solche Person nicht mehr oder weniger unterstützungsbedürftig als ein Durchschnittsdeutscher.
„Das Ziel des Ressentiments ist das Ende des Unterscheidungsvermögens“ (I.5, S. 30).
Unterscheidungsvermögen heißt: Die Dinge spezifiziert zu erfassen.
„Zu unterscheiden setzt Zeit, Geduld und Vorsicht voraus, die Kunst des Prüfens, Beobachtens (…) Man unterscheidet, indem man den Atem anhält, stiller wird, sich zum Sehenden und nicht zum Voyeur macht“ (I.5, S. 31).
(An dieser Stelle ein kurzer Einschub: Wie sehr unterscheide ich hier, wenn ich zum Beispiel pauschal von „AfDlern“ schreibe? Ich würde sagen: nicht so sehr. Mein eigene eigene Bitterkeit schreibt also mit.)
Gleichheit im Ressentiment heißt also: Alle Besonderheiten ausblenden.
Der Mensch im Ressentiment kann in anderen Menschen keine Einzigartigkeit erkennen.
Für ihn sind alle Menschen gleich…
…und dann fühlt er sich ungleich behandelt!
Etwa weil Flüchtlingen Unterkünfte und Sozialhilfe gestellt werden, und ihm – der das Haus seiner Eltern erbt und dessen Abschlüsse anerkannt werden – nicht.
Und gegen diese Ungleichbehandlung erhebt er Anklage.
Aber diese Anklage hat eben keinen wirklichen Gegenstand.
Und hier kommen dann zum Beispiel Fake News ins Spiel: „Da es keinen Mord gegeben hat, muss man eine Leiche fabrizieren“ (I.5, S. 30). Und etwa behaupten, Flüchtlinge würden dies bekommen und das damit machen… Alles, um ihnen die „ungleich“ erhaltenen Dinge wieder wegzunehmen.
Ich, der dich nicht achte, verdiene Achtung
Dann ist natürlich die Frage: Wenn er sich so ungleich behandelt fühlt… warum behandelt er dann selber nicht alle gleich? Warum begegnen er einem „Deutschen“ freundlich und einem Flüchtling unfreundlich? Warum respektiert er einen Mann aber respektiert keine Frau?
Fleury beschreibt diesen Modus des Ressentiments treffend als:
„Ich, der ich nichts achte und dich nicht achte, habe ein Recht auf Achtung!“ (I.20, S. 83).
Ich finde diese Beschreibung wahnsinnig zutreffend. Auch auf die ganzen Diskussionen innerhalb des Themas „cancel culture“ zum Beispiel, wo Menschen ihrem Ressentiment freien Lauf lassen, auf übelste Weise über Menschen herziehen, und dann rumheulen, wenn sie zu einer Veranstaltung nicht mehr eingeladen werden oder Menschen ihnen auf Insta entfolgen.
Warum das so ist, dieses Anspruchsdenken, das wird mir von Fleurys Buch aus nicht so ganz klar (und ich habe auch keine eigene Erklärung).
Es wird eher einfach angenommen, und es deckt sich auch mit meiner Erfahrung, dass der Mensch im Ressentiment einer ist, „der nicht liebt, der geliebt werden will und den die Widersinnigkeit dessen nicht betroffen macht“ (I.20, S. 82-83).
Aber: Es ist ein bodenloses Fass. Das Recht auf Achtung ist nie gestillt. Es reicht nicht, dem Menschen im Ressentiment einfach zu geben, was er will. Er wird nie genug haben. Das Glück, dass ihm die Achtung bedeutet, ist für ihn „eine süchtig machende Substanz“ (I.20, S.84). „Seine Frage lautet kurz: „Was gewinne ich mit diesem Glück?“ und nicht: „Wie werde ich ein anderer?““ (I.20, S.84).
Schwäche
Und das ist schwach.
Fleury liefert eine eigene Interpretation des Nietzsche-Zitats: „Man hat die Starken immer zu beweisen gegen die Schwachen“ (I.21, S. 86). Dieses Zitat wurde selber oft faschistisch vereinnahmt. In dieser faschistischen Deutungsweise bedeutet es, die Bereits-Mächtigen gegen die Ohnmächtigen verteidigt. Und eben zum Beispiel zu schauen, dass die „Deutschen“ auch ja ihre Vormachtstellung gegenüber Flüchtlingen in Deutschland halten.
Fleury interpretiert es (Deleuze folgend) jedoch ganz anders.
Die Starken sind bei Fleury diejenigen, die es schaffen, ihr eigenes Ressentiment zu überwinden.
Die Schwachen sind diejenigen, die sich in ihr Ressentiment hineinlegen und es sich darin gemütlich machen.
„Noch einmal: Man kann das Ressentiment durchmachen, aber ihm zu erliegen, auf unbegrenzte Zeit in ihm steckenzubleiben, bedeutet, sich zum Sklaven zu machen“ (I.21, S. 87).
Führer
Nietzsche arbeitet ja viel mit dem Begriff des Sklaven, der Sklavenmoral, und Fleury übernimmt das.
Ich finde das ein bisschen unpassend, da es hierbei ja nicht um eine gewaltsame Versklavung wie bei der historischen und gegenwärtigen, tatsächlichen Sklaverei handelt, sondern um eine Art selbstverschuldete Unmündigkeit.
Der Mensch im Ressentiment macht sich selbst ganz schwach, ganz klein, und braucht deshalb ganz, ganz dringend…
…einen Führer!
Mit Bezug zu Wilhelm Reich betont Fleury deshalb: Nicht ein Führer (ver-)leitet die Masse, sondern die Masse sucht sich einen Führer! (II.6)
Und dieser Punkt steht finde ich schon sehr im Kontrast dazu, wie zum Beispiel die Faszination der Deutschen für Hitler oft erklärt wurde, oder auch jetzt wieder über die blauen Augen und die Aura von Höcke palavert wird. Nein. Diese Menschen können nur Macht ausüben, weil ihnen Macht übertragen wird.
Kein Führer kann freie Menschen führen. Jeder Hanswurst kann Menschen führen, die sich entschieden haben, nicht mehr frei zu sein (II.7).
Hier deckt sich die Analyse von Reich / Fleury sehr mit dem Verständnis von Macht bei Hannah Arendt, die auch nicht müde wird zu betonen, dass Macht bedeutet, von anderen ermächtigt zu werden (Arendt – Was ist Politik?).
Menschen legen ihre Macht kollektiv in die Hände eines Führers, der von ihnen ausgesucht wird.
Und wen suchen sich aus?
Der Führer, schreibt Fleury, ist ein Schwacher, der sich traut, seine Schwäche ganz zu zeigen (II.1).
Er wird grade deshalb von der Masse als ihr Führer auserwählt, weil er die gleichen Schwächen, die gleichen Ressentiments, hat, wie sie.
Ich finde, das beschreibt zum Beispiel das Phänomen eines Donald Trump, mit allen seinen so offensichtlichen Schwächen und Fehltritten, super. Er ist nicht Präsident trotz seiner ganzen Schwächen, sondern wegen ihnen.
Wahn
„Das Ressentiment ist ein Opferwahn, ein Wahn nicht in dem Sinne, dass das Individuum kein Opfer ist – dies ist es potenziell -, sondern ein Wahn, weil es keineswegs das einzige Opfer einer ungerechten Ordnung ist.“ (I.4, 26)
Natürlich ist man Opfer. Aber man ist nicht das einzige Opfer. Und die an einem begangene Ungerechtigkeit ist nicht die einzige.
Das finde ich so zentral! In Bezug auf zum Beispiel: „Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!“ Natürlich bist du dabei Opfer der Globalisierung geworden. Aber das hebt ja nicht den Rassismus auf, den die Ausländer:innen gegebenenfalls erfahren. Aber für den Mensch im Ressentiment tut es das schon.
Aggression
Dieser Opferwahn ist Nährboden einer Aggression gegenüber anderen Menschen.
„Einzig die Zerstörung des anderen kann dann Genuss bereiten, zum »Lustprinzip« verhelfen, das erlaubt, einer Realität zu trotzen, die man nicht ertragen kann, weil sie als ungerecht, unsozial, demütigend und der Verdienste, die man sich selbst zuschreibt, unwürdig angesehen wird.“ (I.4, 26)
Mussolini hat es einmal für den Faschismus auf den Punkt gebracht: „Sie fragen was unser Programm ist? Ihnen die Beine zu brechen, das ist unser Programm. Und zwar je eher desto besser“ (II.8).
Der Faschismus schafft eine Zone imaginierter Reinheit (I.19), damit der Mensch im Ressentiment endlich in Ruhe leben könne und nicht mehr gestört würde von den Menschen, gegen die er solch einen Groll hegt.
Was es jedoch bedeutet, eine solche Zone der Reinheit schaffen zu wollen, das zeigt sich zum Beispiel…
… an Deutschen Kommandanten an der Ostfront im zweiten Weltkrieg, die sich nach Massenerschießungen über die Reaktion ihrer eigenen Soldaten wunderten und an ihre Vorgesetzten schrieben: „Die Männer sind ganz geschockt, was macht das mit ihnen?“ (II.10),
… an Heinrich Himmler, der ohnmächtig wurde, als ihm bei einem solchen Massenmord Gehirn auf die Jacke spritzte (II.10),
… oder an einem Französischer Folterer im Algerienkrieg, den seine Folterungen nicht mehr losließen, und der begann, nach Dienstschluss seine Frau und Kinder zu misshandeln (II.10).
Faschismus, Kolonialismus, … – das sind massive Scheiss-Ideen!
Im nächsten Teil geht es deshalb um Prävention und Heilung: „Das Offene gegen das Ressentiment, ganz klar“ (II.10).
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