Im letzten Artikel sind Fake News nur kurz angeklungen.
Deshalb möchte ich ihnen hier noch einen kurzen Exkurs widmen.
Denn es gibt wissenschaftliche Erkenntnisse, die meine Sicht auf Fake News völlig auf den Kopf gestellt haben. Vielleicht tun sie das bei dir auch.
Wenn du dich fragst, welche Erkenntnisse das sind, dann lies weiter.
Glauben Menschen an Fake News?
Meine Ansicht früher war immer: Menschen glauben Fake News.
Die sehen das und nehmen das für bare Münze.
Die lesen das und denken: „Stimmt.“
Und das mag manchmal auch so sein.
Es mag sogar manchmal bei einem selber so sein.
Dass man selber Fake News liest und sich denkt: „Stimmt.“, und gar nicht mitbekommt, dass man grade Fake News glaubt, weil man ja denkt, dass es stimmt, also nicht fake ist.
Ich hab mich also oft gefragt: Wie kann man damit umgehen? Wie kann man zum Beispiel Faktenchecks noch besser einsetzen?
Doch es stellt sich heraus: Das ist gar nicht unbedingt der springende Punkt.
Denn:
Menschen teilen Fake News auch dann, wenn sie wissen, dass sie falsch sind!
Wie?
Menschen sehen eine reißerische Überschrift, denken: „Das stimmt wahrscheinlich nicht…“ und klicken dann auf den „Teilen“-Button, nach dem Motto: „Das muss meine WhatsApp-Familiengruppe, müssen meine Facebook-Freunde und meine drei twitter-Follower:innen sofort erfahren!“?
Kurz: Ja.
Denn es geht ihnen nicht darum, Informationen zu verbreiten.
Sondern einen moralischen Standpunkt deutlich zu machen. Zum Beispiel: „Seht her! Ich bin gegen klauende Ausländer:innen!“
Und um seine politische Zugehörigkeit deutlich zu machen: „Es braucht endlich mal jemanden, der sich dagegen stellt!“
Die Studie dahinter
McLoughin et al. (2024) haben sich in einer Studie mit der Verbreitung von Fake News befasst.
Ihre These (die sie durch ihre Ergebnisse bestätigt sehen) ist: Es kommt vor allem auf die Empörung an, wie sehr sich eine Nachricht verbreitet.
Je mehr Empörung sie hervorruft, desto mehr verbreitet sie sich.
Dafür haben die Forscher:innen über eine Millionen Facebook-Beiträge und über 45000 tweets vor Präsidentschaftswahlen in den USA ausgewertet.
Und dazu noch ein Experiment durchgeführt.
In diesem wurden Teilnehmer:innen verschiedene Nachrichten vorgelegt, die sich in ihrer Vertrauenswürdigkeit und ihrem Empörungsgrad unterschieden. Anschließend wurden die Teilnehmer:innen gefragt:
a) Wie wahrscheinlich ist es, dass du diese Nachricht teilst?
b) Für wie zutreffend hältst du diese Nachricht?
„Hier zeigte sich, dass die User im Schnitt durchaus in der Lage waren, den Wahrheitsgehalt einer Nachricht korrekt einzuschätzen und folglich auch Fake News als solche zu erkennen; allerdings änderte das anscheinend nichts an ihrer Intention, die Links weiterzuverbreiten.“ (spektrum.de)
Das finde ich so witzig!
Aber auch so interessant (und gefährlich).
Ein anderer Blick auf Fake News
Denn auf einmal hatte sich mein Bild von Fake-News-teilenden Menschen gewandelt.
Es waren nicht mehr die, die auch jeden ausgedachten Mist glaubten und sagten: „Stimmt.“
Stattdessen muss ich annehmen, dass Menschen den Wahrheitsgehalt von Fake News schon ganz gut einschätzen können.
Warum teilen sie sie dennoch?
„Offenbar, so die Autoren der »Science«-Studie, geht es den Nutzern und Nutzerinnen nicht so sehr darum, ihre Follower gut zu informieren. Hinter dem Teilen empörender Inhalte stehe vielmehr das Bedürfnis, die eigene moralische Integrität und Zugehörigkeit zu einem politischen Lager zu demonstrieren.“ (spektrum.de)
Das ist der springende Punkt.
Dieses der Welt mitzuteilen: „Und wenn es so wäre, ich wäre dagegen!“
Und, mit Fleury gesprochen, ist es auch einfach eine der vielen Übungen und Wiederholungen des Ressentiments, des immer wieder Durchkauens des Grolls, den man hegt, ein Ritual des sich-versicherns, auf welcher Seite man steht. Und dies auch nach außen hin zu kommunizieren.
Mit Faktenchecks gegen Fake News?
Die Autor:innen schließen mit der Erkenntnis, dass „das Potenzial von Fact Checking als Mittel gegen Desinformation begrenzt“ (spektrum.de) ist, wenn es eh nicht darauf ankommt, ob eine Information als wahr angesehen wird, bevor sie geteilt wird.
Auf diesen Punkt möchte ich jetzt noch näher eingehen.
Und auf die politischen Implikationen, die das haben kann.
Natürlich hat da vorhin kein Ausländer geklaut, es war nicht mal einer beteiligt. Es hat einfach nur ein Rassist im Suff sein Handy verloren, sich anschließend an den Computer gesetzt und darüber abgeledert, dass ihm sein Handy geklaut wurde und das können ja nur die…!
Und seine rassistischen Freunde, die das auf Facebook dann sehen, denken sich: „Ja meine Güte, der is‘ ja so’n Säufer, der hat doch sein Handy sicher selbst verloren…“ – aber sie drücken trotzdem auf „gefällt mir“, weil: Es gibt ja eine Sache, die sie verbindet, und die ist, dass sie gegen Ausländer sind, vor allem wenn die klauen (würden…)!
Wenn du dann aber ankommst, und sagst: „Also Leute, ich war dabei, ich hab’s gesehen, dem ist das Handy runtergefallen, weil der war zu besoffen, um das noch in seine Arschtasche zu stecken…“
Dann ist die Reaktion: „Na und? Weiß ich doch. Ich bin trotzdem gegen Ausländer!“
„Ja, aber…“
„…vor allem weil die klauen!!11!!“
Es gibt nicht das Ressentiment, weil es Fake News gibt.
Es gibt Fake News, weil es das Ressentiment gibt.
Are you the bad guy?
Nun möchte ich gerne noch ein bisschen weiter über die Implikationen der relativen Wirklosigkeit von Faktenchecks spekulieren.
Denn so ganz ohne Wirkung bleiben sie ja doch nicht.
Aber diese Wirkung kann auch eine ungewollte sein.
Denn wenn du dich nur auf den Faktencheck konzentrierst, passiert dabei auch eine andere Sache: Die moralische Aussage bleibt unwidersprochen.
Es kann sogar sein, so vermute ich zumindest, dass dir damit eine Position untergeschoben wirst, die du gar nicht haben willst. Einfach weil du es verpasst, dich selber zu positionieren.
Der andere: „Mir wurde letztens mein Handy geklaut! Ich bin gegen klauende Ausländer!“
Du: „Dir ist das Handy ja nur runtergefallen, also stimmt es gar nicht, dass dir das Handy geklaut wurde. Und mit Ausländern hat das gar nichts zu tun.“
Der andere: „Du bist also für klauende Ausländer?“
Du: „Warte, was…?!“
Der andere: „Klingt nämlich so.“
Einfach weil die anderen eine Freund/Feind-Unterscheidung aufmachen, und dich auf die Feind-Seite stellen, zusammen mit dem Feindbild der klauenden Ausländer, denen du Tür und Tor öffnen würdest.
Und wenn du dich nicht aktiv woanders hinstellst, oder deine eigene Freund/Feind-Unterscheidung aufmachst, bleibst du da stehen in den Augen der Öffentlichkeit.
Und vor der nächsten Wahl heißt es dann:
„Wen wählst du? Die Person, die sich gegen klauende Ausländer einsetzt oder die Person, die behauptet, die gäb’s gar nicht?“
„Also ich wähl den ersten! Denn ich fühle mich beklaut!“ Ob nun von Ausländern oder nicht, ist für diese:n Wähler:in auch erstmal egal.
Was tun?
Wenn also das nächste Mal Fake News in deinen Familienchat gepostet werden, dann verschwende deine Energie nicht darauf, die zu fact-checken.
Sondern mache deinen Standpunkt klar:
„Ich finde es falsch, so gegen Ausländer zu hetzen!“
„Ich finde, alle Menschen sollten respektvoll miteinander umgehen!“
„Der Ausländer ist doch genauso arm wie du. Das eigentliche Problem sind die Superreichen!“
Wenn du dann noch die Fakten dazu liefern kannst, umso besser.
„Im Übrigen: Hier ist das Handy. Liegt noch im Lokal. Wurde gar nicht geklaut.“
Denn auch Faktenchecks haben ihr Empörungspotenzial:
„Unmöglich, dass der gelogen hat! Ich finde ja auch, dass alle Menschen respektvoll miteinander umgehen sollten. Und dazu gehört für mich auch, nicht zu lügen! Warte, das teile ich direkt auf facebook…“
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