Die Tür war recht unscheinbar, eine ganz normale Wohnhaustür. Und ich wollt auch erst nicht durch, weil’s echt spät schon war. Aber mein Kumpel, den ich tags zuvor kennengelernt hatte, und der diesen Tipp hier bekommen hatte, wollte doch gern rein. Also fragten wir nach, und siehe da, durch die Tür, hoch in’s höchste Geschoss, standen wir an einer Bar auf dem Dachboden – und die Musik war fantastisch!
„And I’m not the kind that likes to tell you
New Order – Age of Consent
Just what I want to do
I′m not the kind that needs to tell you
Just what you want me to“
Das war in Serbien. Dort war ich letzten Sommer. Um Urlaub zu machen. Denn ich mochte die Natur der Nachbarländer, das Essen auf dem Balken, ich mochte die Bosnisch-Kroatisch-Montenegrinisch-Serbische Sprache, und ich mochte die Menschen, denen ich dort begegnet war.
Bloß in Serbien war ich vorher noch nie. Und das wollt ich gerne ändern.
Die Proteste haben mich natürlich auch interessiert. Vor allem die Anti-Korruptions-Proteste. Und die Proteste gegen die Belgrade Waterfront. Und gegen das Jared-Kushner-Hotel. Und die Lithium-Mine. Um all diese geht’s in diesem Artikel. Und die Risse im System, die sie bedeuten.
Anti-Korruptions-Proteste
Ende 2024 stürzte in Novi Sad, der zweitgrößten Stadt Serbiens, das Bahnhofsgebäude ein und tötete 16 Menschen.
Dies war der Auslöser der gegenwärtigen Anti-Korruptions-Proteste.
Was hat der Einsturz mit Korruption zu tun?
In Ungarn wurde mir Korruption mal so erklärt:
„Siehst du, die Regierung möchte einen Auftrag für einen Bau vergeben. Dann eröffnet der Schwager des Regierungschef eine Baufirma, oder er hat schon längst eine. Diese erhält dann den Auftrag. Sie stellt den Bau fertig, für die Hälfte des Geldes, das sie bekommen hat. Und mit der anderen Hälfte des Geldes, damit machen sich der Regierungschef und sein Schwager ein schönes Leben.“
Natürlich völlig übersimplifiziert. Aber das Prinzip ist klar: Regierungsmitglieder und ihr Umfeld bereichern sich durch öffentliche Gelder, zulasten der öffentlichen Infrastruktur.
Und in diesem Fall – so der Vorwurf – auf Kosten von Menschenleben.
„Korruption tötet!“ lautete der Slogan bei den nach dem Einsturz aufflammenden Protesten.
Proteste, die von Regierungsseite mit immer mehr Gewalt beantwortet werden (siehe exemplarisch hier).
Und dass es Korruption gab, dafür gibt es deutliche Anzeichen (1). Nicht nur, weil der Bahnhof vorher feierlich im Wahlkampf von der Regierungspartei eröffnet wurde (2,3)
Die Belgrade Waterfront
Ein weiteres Vorzeigeprojekt der Regierung ist die Belgrade Waterfront.
Mit einer großen Gruppe aus dem Hostel wollten wir eines Abends gerne ausgehen.
Wir brachen auf, und fanden uns irgendwann nahe des Flusses in einem Club wieder.
Auf der Toilette musste ich lang anstehen. Und während ich so die Sticker betrachtete, schnackte mich wer an. Und das ging ungefähr so:
„…“
„Sorry, I don’t speak Serbian.“
„Ah, where are you from?“
„Germany.“
„And how do you like it in Belgrade?“
„A lot!“
„Oh that’s surprising!“
„How do you like it?“
„It’s unbearable!“
„Why?“
„The government.“
Diesen Club könnt’s in ein paar Jahren nicht mehr geben.
Er ist mitten im Baugebiet der Belgrade Waterfront.
Einem seelenlosen mega-Bauprojekt, dass das Save-Ufer in ein nichtssagenden Ort voll Beton und Glas verwandeln möchte. Und das auch schon tut. Ein Projekt, bei dem die Geldflüsse intransparent sind, für das „spezielle Ausnahmen“ von Gesetzen gemacht werden (4), und wo nachts maskierte Männer mit Baggern anrücken, um schonmal Gebäude plattzumachen (5). Und wo wieder viel Geld im Spiel ist. Was den Bogen zu Korrruptionsvorwürfen schlägt (6).
„“We’re not all fired up specifically because of Belgrade Waterfront. What we want is to get more people to get involved in these decisions that will determine how their city looks, how it’s planned, how decisions are made, generally,” argues Dobrica Vesilinovi, head of protest group NeDa(vi)mo Beograd.“ (7)
Das Projekt startete 2016. Zehn Jahre später stolperten wir Touris in den Morgenstunden aus dem Club und landeten in einer halben Baustelle und dahinter endlose und endlos aufragende Reihen von uneinladenden und ausladenden Glasbetonbauten, die in naher Zukunft auch den Rest des Platzes am Wasser besetzen sollen.

Die Baustelle der Belgrade Waterfront bei Nacht. Und nicht vom Wasser aus.
Das Jared Kushner Hotel
Aktuell gibt es noch so ein Projekt, ein kleineres, mitten in der Innenstadt.
Auch dort sollte der gleiche Mechanismus aus intransparenten Geldflüssen und Sonder-Gesetzes-Ausnahmen greifen.
Es handelt sich dabei um das ehemalige Jugoslawische Verteidigungsministerium, das durch die Bombardierung Belgrads durch die Nato während des Kosovo-Krieges zerstört wurde.
Seitdem steht es unter Denkmalschutz.


Das zerstörte Jugoslawische Verteidigungsministerium.
Not-so-fun fact: Der Slogan, der draußen an den Bauzaun gesprüht wurde, liest sich:
„Schickt unsere Armee zurück in den Kosovo“ – äh, nein!
Jared Kushner, der Schwiegersohn Donald Trumps, hatte eine super Idee, was man mit so einem prominenten Areal in bester Lage noch anstellen könnte, anstatt sich mit so Themen wie den Kriegsverbrechen der Vergangenheit auseinanderzusetzen: Ein Hotel bauen!
Muss man auch erstmal drauf kommen! Ende der 90er lässt ein US-Präsident völkerrechtswidrig die Stadt bombardieren, und heute möchte der Schwiegersohn des amtierenden US-Präsidenten aus den Trümmern ein Real-Estate-Projekt machen. The Art of the Deal.
Allein, es gelang es dieses Mal nicht.
Denn nachdem die Regierung ein „Spezialgesetz“ für den Bau des Kushner-Hotels auf dem eigentlich denkmalgeschütztem Gebiet abgesegnet hatte, wurden Proteste laut und die Staatsanwaltschaft erhob Anklage gegen die handelnde Akteure. Daraufhin zog sich Kushner aus dem Projekt raus und ließ Serbiens President wütend zurück (8).
Und das ist, wie ich hörte, eine ungewöhnliche Entwicklung. Denn normalerweise, so meinten Serb:innen, mit denen ich sprach, kriegt die Regierung schon ihren Willen durch.
Angesprochen auf die gegenwärtigen Anti-Korruptions-Proteste waren sie dennoch nicht wirklich optimistisch, dass sich dauerhaft etwas ändern würde.
Aber eine Sache, meinten sie, ändere sich doch.
Und zwar: Die Art, wie Akteure mit unterschiedlichen Weltsichten miteinander umgehen.
Anti-Lithium-Minen Proteste
Und unterschiedliche Weltsichten – da gibt es in Serbien viele!
Wenn Du eine Demo machen möchtest – grade im progressiven Spektrum – kannst du nicht einfach nur mit Leuten aus deiner Szene, aus deiner Bubble, auftauchen, mit denen du die Weltsicht teilst.
So zum Beispiel auch bei den Anti-Lithium-Minen Protesten im Land.
Serbien hat die größten Lithium-Vorkommen in Europa.
Entsprechend gibt es ein großes Interesse daran, diese abzubauen – auch von der EU (9) – vor allem zur Nutzung in Batterien. Mittlerweile wurde das Abbau-Pojekt, auch aufgrund der anhaltenden Proteste, vorerst pausiert (10).
Bei den Anti-Minen Protesten hatte sich eine breite Koalition von Akteuren gefunden.
Für manche ist der Kampf gegen Umweltzerstörung ein Kampf der Hand in Hand mit emanzipatorischen Bewegungen geht. Für andere ist es nationalistischer Heimatschutz.
So trafen in der Koalition auch Menschen aufeinander, die sich in vielen anderen Anliegen feindlich gegenüber standen. Aber zusammenarbeiten mussten.
Und ein Beispiel, wie sich sowas auswirken kann, fand ich spannend:
Eine Person in der Koalition äußerte sich nämlich zu Beginn immer wieder LGBTQ-feindlich. Bei der Demo zum 8. März stand sie dann aber auf einmal zusammen auf der Bühne mit einer Trans-Person und hielt eine gemeinsame Rede. Kennengelernt haben sich die beiden bei den Anti-Mining Protesten. Und in der Folge hat die Person ihre LGBTQ-Feindlichkeit abgelegt (mehr zur Kontakthypothese, in anderen Kontexten, gibt’s hier: 180 Grad – Geschichten gegen den Hass).
New Order in Serbien
Bei den Anti-Korruptions-Protesten, so schätzen es Menschen, mit denen ich sprach, ein, finde ein ähnlicher Wandel statt.
Durch die Proteste vertrauen sich unterschiedliche Gruppen mehr.
Auch Serbische und Bosnische Studierende zum Beispiel (siehe hier).
Wo man sich vorher misstraute und aus dem Weg ging, wurde jetzt die Erfahrung gemacht, dass man gemeinsam was auf die Beine stellen kann.
Und daraus könne in der Zukunft viel erwachsen.
Wir saßen also an der Bar und tranken ein Getränk. Von der kleinen Fläche aus, wo junge Menschen euphorisch tanzten, schallten die Klänge von New Order zu uns.
„Wollen wir mittanzen?“
Schreibe einen Kommentar