Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Produzierbarkeit

„I still believe in your eyes.
I just don’t care what you’ve done in your life.“

Gigi D’Agostino – L’Amour Toujours

Eine faschistische Parole im Wandel der Jahrzehnte

„Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!“
Ein (leider!) bekannter Slogan.
Schauen wir uns mal seine Verwendung in drei Beispielen an.
Und die jeweilige Ästhetik.

Auftritt 1: Rostock-Lichtenhagen.

„Die johlende Menge applaudiert und skandiert: „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus!““ (Quelle)

Das waren die Baseballschlägerjahre in den 1990ern beginnenden 2000ern. Gewalt, Bomberjacke, Springerstiefel, vollgepisste Jogginghose, Hitlergruß.

Auftritt 2: Buntes Trier – nicht mit mir!

Das ist so die Neonazi-Ästhetik, mit der ich aufgewachsen bin: Völlige Lächerlichkeit.

Ja, sie machen es für den Reim – aber dass sie den Slogan „Deutschland den Deutschen!“ hier hinter der Zahlenkombination „444“ verstecken – das spricht Bände.

Das Video – also die Verarsche des Videos – spiegelt für mich die ausgehenden 2000er und beginnenden 2010er Jahre wieder. Unter der dominierenden Hipster-Kultur gewinnt der alte Baseballschläger-Faschismus keinen Blumentopf mehr. Er ist nur noch lächerlich.

Das Verarsche-Video ist von 2015. Da war die AfD schon gegründet.

Auftritt 3: Sylt

2024: Im Außenbereich einer Bar tanzen (wenn man denn das Gewippe da so nennen mag) ein paar hemdsärmlige Typen rum, wedeln den Arm zum Hitlergruß und rufen: „Deutschland den Deutschen – Ausländer raus!“ zum Party-Hit L’Amour Toujours von Gigi D’Agostino.
In der Folge verbreitet sich dieser Gesang Deutschlandweit in die Festzelte und Köpfe der Menschen. (Quelle)

Bei mir in der Freundesgruppe gehört L’Amour Toujours seit jeher zum Party-Repertoire.
Und im Sommer ’24 krieg auch ich den eingängige Fascho-Text nicht aus dem Kopf, wenn das Lied läuft.
Nach ein paar Monaten ist der Spuk aber vorbei und ich kann das Lied wieder normal hören.

Vom hooliganschen „DEUTSCHLAND DEN DEUTSCHEN!!1!!“ zum lächerlichen „444!“ zum Party-Schlager „Döp Dödö Döp“. Der Slogan hat in den letzten 30 Jahren viel kulturellen Wandel mitgemacht.

Der Punkt ist dieser: Faschistische Politik ist eng verwoben mit Ästhetik.

Walter Benjamin und KI-erstellte Bilder

Und damit zu Walter Benjamin: „So steht es um die Ästhetisierung der Politik, welche der Faschismus betreibt.“ (Benjamin 2007, S. 50)

L’Amour Toujours ist nicht der einzige Partyhit, den Rechte umdichten.

Die AfD feierte zu „Das geht ab!“ von den Atzen, umgedichtet zu „Wir schieben sie alle ab!“.
Worauf die Atzen übrigens mit der Ansage reagierten, nur Hertha BSC Fans und Spongebob dürften ihren Song umdichten (Quelle). Und eine Unterlassungsklage gegen die AfD gab es auch noch. Stabil.

Das Auffäligste an dem Song war aber eh: Ein KI-Erstelltes Musikvideo, in dem knapp bekleidete Stewardessen und breitkiefriege Piloten, im AfD-Blau gekleidet, massenhaft Abschiebeflüge für traurig in Jogginghosen und Kapuzenpullis dargestellte Flüchtlinge durchführen.

Und das ist nicht das einzige Beispiel, in dem KI-generierte Ästhetik für ein politisches Ziel eingespannt wird. Siehe hier zum Beispiel den Beitrag vom offiziellen Twitter Account des weißen Hauses, in dem ein weißer ICE Beamter und eine schwarze Person vor der Abschiebung dargestellt werden (Quelle).

Es gibt immer wieder Fälle, wo man sich wünscht, bestimmte Theoretiker:innen wären noch am leben, um etwas zu sehen und zu analysieren.

So ist es hier.

Mich würde Walter Benjamins Einschätzung dazu extrem interessieren.

(Genauso, wie mich interessieren würde, was Walter Benjamin in einem KI-Bild-Generator prompten würde.)

Aber wir haben heute nunmal bloß seine Texte.

Also schauen wir uns die doch mal an.

Beziehungsweise vor allem einen: Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit.

Da steht – wie immer – viel drin. Einer der ganz zentralen Punkte betrifft jedoch die ‚Aura‘ eines Kunstwerks.

Aura

Ein ‚echtes‘ Kunstwerk hat eine Aura. Ein reproduziertes nicht.
Das finde ich einerseits nachvollziehbar.
Andererseits, finde ich, ist es auch unbedingt nicht so, dass ein reproduziertes Kunstwerk so gar keine Aura hätte.
Ein persönliches Beispiel: Der Wanderer über dem Nebelmeer.

Der Wanderer über dem Nebelmeer – also, eine Reproduktion davon.

An der Uni, wo ich studierte, kam hin und wieder ein Mensch vorbei, der hatte Kunstdrucke im Angebot für wenige Euro. Von Filmpostern, Plakaten und klassischen Gemälden. Die konnte man in der Pause zwischen zwei Vorlesungen durchstöbern, anschauen, und dann kaufen.
So fand ich auch, dass etwas Kunst meinem WG-Zimmer gut tun würde, und ich entdeckte einen Kunstdruck Caspar David Friedrichs Wanderer über dem Nebelmeer.
Ich hängte es mit Panzertape (weil der Kunstdruck für Pattafix ein bisschen zu schwer war und mir runterkrachte) an meine WG-Zimmertür und war ganz zufrieden.
Es war nicht so, dass von diesem Kunstdruck keine Aura ausging.
Ein bisschen der Romantik war schon mit ihm eingezogen.
Nichtsdestotrotz stand ich auch schonmal in der Hamburger Kunsthalle vor dem echten Wanderer. Und war dabei ziemlich ehrfürchtig. In dem Moment leuchtete es ziemlich ein, was Benjamin mit der Aura des Kunstwerks meinte, die einfach nicht mitreproduziert werden könne.

Rituale und Versenkung

Benjamin schreibt, durch die Reproduktion des Kunstwerk verschiebt sich der Fokus. Er geht weg von dem Ritual. Also: Dem Besuch einer Kunsthalle. Dem Besuch eines Konzerts, … Wobei: Das hören einer Schallplatte kann ja auch ein Ritual sein. Das Hören einer Spotify-Playlist – auch, vielleicht? Ich finde jedoch, man sieht schon ein bisschen, wie mit zunehmender Reproduzierbarkeit die Aura abnimmt.
Der Fokus verschiebt sich dann hin zur Politik (worauf ich am Ende des Artikels nochmal zurückkomme).

Benjamin kritisiert hier vor allem den Film als grundsätzlich reproduziertes Kunstwerk.
Wer ein Gemälde betrachtet, der kann darin versinken, der wird zur Kontemplation eingeladen, „vor ihm kann er sich seinem Assoziationsablauf überlassen“ (Benjamin 2007, S.43f.). Das ist eine grundsätzlich spirituelle Erfahrung. „Das theologische Urbild dieser Versenkung ist das Bewusstsein, allein mit seinem Gott zu sein“ (ibid., S.43). „Vor der Filmaufnahme kann er das nicht. Kaum hat er sie ins Auge gefasst, so hat sie sich schon verändert“ (ibid., S.44). Der Gedankenstrom, den man für sich selber fassen kann, wird also durch einen Gedankenstrom ersetzt, den einem der Film liefert.

Auch das sehe ich nicht zu hundert Prozent so. Ich meine, noch aus jedem Film geht man raus und hat noch so drei, vier Gedanken, die man währenddessen hatte, präsent im Kopf und kann über die mit seinen Freund:innen reden und sich austauschen. Das funktioniert ja noch. Und doch ist auch dann dieser Moment der Kontemplation nicht wirklich da gewesen. Aber liegt es an der Reproduzierbarkeit? Ich kann auch durch die Kunstgalerie gehen, ohne einmal zu kontemplieren, und vor meinem Wanderer-Kunstdruck sitzen und darin versinken. Und auch bei den Filmen kommt es drauf an, was für ein Film das ist, wie sehr man in dem versinken kann.

Welchen Unterschied macht hier die technische Produzierbarkeit von Kunst (z.B. mittels KI-Tools) zur technischen Re-Produzierbarkeit von Kunst? Vielleicht jener, dass der Ausspruch: „Ich kann schon nicht mehr denken, was ich denken will. Die beweglichen Bilder haben sich an den Platz meiner Gedanken gesetzt“ (ibid.) – nicht mehr bloß für die Zuschauer:innen gilt, sondern nun auch für die Künstler:innen (und mit Künstler:innen meine ich jetzt jede Person, die sich hinsetzt und Prompts für KI-Bilder/Lieder/Filme-Tools schreibt).

Denn auch beim Prompten wird ein Gedankenstrom unterbrochen.
Anstatt den Pinsel selber zu ziehen (was ja auch anstrengend ist, Kunst braucht Anstrengung), schreibt man zwei Sätze und – bumm – ist ein Bild da. Alles, was darüber hinausgeht, sind Veränderungen an dem bestehenden Bild.
Das Bild, was man selber im Kopf hatte, wird ersetzt von dem Bild, das dir die KI geliefert hat. Und das KI-Bild wird zum neues Ausgangspunkt deines Denkens. Dort steht nicht länger dein eigenes.

Das birgt auch mit Blick auf Fleurys Analyse des Ressentiments eine Gefahr: Dort ist Kunst-machen einer der Wege, um die Ausbildung eines Ressentiments zu verhindern. Grade weil es anstrengend ist, grade weil man sich seinem innersten stellt. Ob das mit KI Kunst auch so geht? Ich vermute: Nicht so sehr. Denn, wo einen die eigenen Gedanken, die eigenen Hände hingeführt hätten, wird man nie erfahren: „Guess we’ll never know!“

Kunst und Politik

Benjamin beendet seinen Text mit den Worten: „So steht es um die Ästhetisierung der Politik, welche der Faschismus betreibt. Der Kommunismus antwortet ihm mit der Politisierung der Kunst“ (ibid., S.50).

Diese Bewegung ist auch heute sichtbar.

Vielleicht täusche ich mich, aber meiner Wahrnehmung nach wurde KI-Kunst bislang in viel größerem Maßstab von rechts eingesetzt als von links – wie in den weiter oben angeführten Beispielen.

Währenddessen kommt die Kritik an KI-Kunst von Links, viel eher als von rechts.

Dabei geht es zum Einen um das Problem der Urheberschaft.

Denn was während des Reproduktionsprozess eliminiert wird, so schreibt Benjamin, das ist die Tradition.
Im Produktionsprozess ist dies nochmal verstärkt der Fall.
Bei Künstler:innen – selbst, wenn ihre Werke reproduziert sind – kann man immer noch nachvollziehen: „Ah, die ist aus dieser Schule, die hat hier und da ihre Inspiration her.“
Bei der KI: Keine Ahnung. Außer natürlich, wenn man im Prompt schreibt: „Male mir ein Bild im Stil von …“

Zum Anderen – und in noch viel heftigerem Ausmaß – geht es um das Problem der Gewalt.

Denn die angesprochenen KI-Bilder-Tools werden dazu eingesetzt, Frauen anzugreifen.
Etwa, in dem ihre Körper sexualisiert werden und übelste Gewaltphantasien an ihnen visualisiert werden.

Es ist womöglich falsch, davon zu sprechen, dass die Kritik daran KI-Bilder politisiert.

Denn meiner Meinung nach ist das Erstellen dieser Bilder bereits politisch.

Es dient dazu, einen Herrschaftsanspruch durchzusetzen: Männer, die im Internet öffentlich mitteilen: „Wir erheben den Anspruch, über eure Körper zu herrschen! Wir können und werden euch diese Dinge antun! Eure Körper – die Bilder eurer Körper – gehören uns und wir machen damit, was wir wollen!“

Und gleichzeitig wird diese Praxis erst durch die Kritik daran zum Politikum.

Das Zeitalter der technischen Produzierbarkeit von Kunst ist tendenziell noch im Beginnen.
Ich denke mal, dass die KI, deren Bilder und Videos heute zum Teil noch recht bescheuert daherkommen, in ein par Jahren noch raffinierte Bilder und Videos erstellen wird.
Ist halt die Frage, ob es so eine Nachfrage danach geben wird.
Nachfrage nach KI-Kunst… wieso sollte es die geben? Ja eben, grade nicht wegen der Kunst! Nicht weil man darin Aura, oder Versenkung, oder Rituale findet.
Sondern weil sie politisch nützlich ist. Wer nutzt denn KI-Kunst? Vor allem Menschen, die irgendeine Botschaft platzieren wollen, die aber nicht das Geld, nicht die Zeit oder die Muße haben, um selber künstlerisch tätig zu werden oder das in Auftrag zu geben – die aber trotzdem die Macht der Kunst für sich einspannen wollen: Aufmerksamkeit zu erlangen, Emotionen zu erregen, Bilder zu erzeugen und diese Bilder in die Köpfe der Menschen zu bringen.
Dazu eignet sich KI-Kunst ganz hervorragend. Und dazu, denke ich, wird sie in Zukunft auch noch stärker nachgefragt werden – grade dann, wenn sie noch besser wird.
Und das ist ja das, was bei Trump und AfD in Ansätzen schon sichtbar ist: Wegwerf-Kunst für Machtausübung.
Und die Linke? Antwortet darauf mit einer Politisierung der Kunst – zurecht!

Allerdings: Benjamins Aufsatz – seine Beobachtung – ist aus dem Jahr 1935. Und da stand das Schlimmste noch bevor.

„Because I , I live to love you someday
You’ll be my baby and we’ll fly away
And I’ll fly with youuuuuuuuuu…“

Gigi D’Agostino – L’Amour Toujours

Literatur

Walter Benjamin. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit und weitere Dokumente. Kommentar von Detlev Schöttker. Frankfurt am Main: Suhrkamp. 2007.


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