Warum wehren sich Menschen gegen Windenergie bei ihnen vor Ort?
Was mir da immer zuerst einfiel war ja:
- der Schall. Windräder sind zu laut.
- die Vögel. Windräder töten Vögel.
Ich habe in meiner Masterarbeit zu lokalen Windenergiekonflikten geforscht.
Und dabei fand ich in Gesprächen und anderen Studien:
Ja. Schall und Vögel sind relevante Gründe für Widerstand gegen Windenergie.
Aber: Sie sind bei weitem nicht die relevantesten.
Wieso sie dennoch so im Fokus stehen – und was sich ändern müsste, um lokale Windenergiekonflikte besser zu lösen – das erfährst du in diesem Artikel.
Die Studie
Windenräder machen Geräusche.
Immer wieder: Whoosh, whoosh, whoosh, …
Das kann man hören, wenn man in der Nähe wohnt, mal lauter, mal leiser.
In einer Studie befragten die Autor:innen deshalb die Anwohner:innen in der Umgebung eines Windparks auf der Schwäbischen Alb dazu, wie genervt und gestresst sie sich von den Geräuschen des Windparks fühlten. Sie schauten dann auch, wie weit vom Windpark sie entfernt wohnen. Und fragten auch danach, wie fair die Anwohner:innen den Prozess fanden, der zu dem Windpark geführt hat.
Das Ergebnis?
Wie sehr man sich von den Geräuschen gestört fühlt, hängt nicht damit zusammen, …
- … wie laut die Windräder sind,
- …. oder wie nah man an den Windrädern dran wohnt.
Aber: Wie gestört man sich von den Windräder-Geräuschen fühlt, hängt damit zusammen, wie gerecht man den Prozess fand, der zu den Windrädern geführt hat.
Huch?!
Das war ein Punkt, den ich ursprünglich so nicht erwartet habe.
Der jedoch, wie ich nun finde, sehr viel Sinn ergibt
Denn auch mir ist das in Gesprächen immer wieder begegnet:
Meine Beobachtungen
Eine Person, der das Windrad einfach so „vor die Nase“ gesetzt wurde, die den Eindruck hat: Da kommt wer von Außen, verändert hier einfach die Landschaft, macht sogar Profite damit und ich muss hier die Last tragen und wurde nichtmal gefragt…
Wenn diese Person das „whoosh, whoosh“ der Windräder auch nur leise in der Entfernung hört – natürlich fühlt die sich davon gestört!
Eine andere Person hingegen, die gefragt wurde, die mitentscheiden konnte, ob und, wenn ja, wo die Windräder gebaut werden, und die auch finanziell beteiligt ist, der die Windräder dadurch mit-gehören… die wird ganz anders dazu fühlen.
So erzählte mir auch jemand:
„Meine Mutter, die ist finanziell an einem Windpark bei ihr im Ort beteiligt. Und ja, manchmal wacht sie nachts auf und hört die Geräusche der Rotoren. Aber dann denkt sie: ‚Wie geil! Ich verdiene einfach Geld, während ich schlafe!‘, und dreht sich um und schläft weiter.“
Aber wenn eine Person, die den ganzen Prozess hin zu den Windrädern schon ungerecht fand, nachts aufwacht und die Windräder hört, dann denkt sie natürlich: „Argh, ich kann nachts wegen diesen Scheiss-Windrädern nicht schlafen!“
Stellvertreterkonflikte
Das Problem an der ganzen Sache ist:
Du kannst kein Windpark damit verhindern, dass du sagst: „Ich finde den Prozess hier ungerecht. Ich wurde gar nicht gefragt.“
Du kannst ihn aber verhindern, indem du ein Schallemmissionsgutachten vorlegst. Oder ein Artenschutzgutachten. Denn dafür gibt es in den Entscheidungsprozessen Raum.
Und deswegen, so mein Eindruck, spricht man so oft über Schall und Artenschutz.
Weil dass die Sachen sind, mit dem du noch ein Veto ausspielen kannst. Auch wenn der Grund für deinen Widerstand woanders liegt.
Viele Menschen sind gegen Windkraft, weil sie die Prozesse ungerecht finden, mit denen vor Ort entschieden wird.
Und das ändert sich durch keine Diskussion über Schall und Artenschutz.
Das ändert sich nur, wenn man den Menschen vor Ort von vornherein mehr Entscheidungsmacht zugesteht (und dann auch schon gemeinsam über Schall und Artenschutz spricht).
Den Menschen vor Ort mehr Entscheidungsmacht zuzustehen, heißt nicht, dass dann Windkraft automatisch verhindert wird.
Es heißt, dass ein zentraler Grund wegfällt, der überhaupt zu diesem Widerstand führt.
Und deshalb ist ein wichtiger Ansatz, durch die der Windenergie-Ausbau sowohl gerechter als auch effektiver wird: Mehr Mitbestimmung für die Menschen vor Ort.
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