Wenn man sich mit der Frage beschäftigt, warum die Zustimmung in Deutschland zu Erneuerbaren Energien generell hoch ist, aber es dennoch immer wieder zu massivem Widerstand dagegen vor Ort kommt, gibt es eine Antwort, die immer wieder auftaucht:
NIMBY.
NIMBY steht für „Not in my backyard“, zu Deutsch: „Nicht in meinem Vorgarten“
Und es beschreibt die Einstellung von Menschen, grundsätzlich für etwas zu sein, aber nicht hier, nicht bei sich zu Ort.
Also: „Ja, wir wollen Windkraft, aber nicht hier!“
Diese Antwort ist wirklich omnipräsent in öffentlichen Debatten und in der Politik.
Aber: Sie ist falsch.
Und darüber herrscht in der wissenschaftlichen Diskussion zu Windenergie mittlerweile Konsens (siehe etwa Eichenauer 2018, Hildebrand & Renn 2019, Reusswig et al. 2016, Wolsink 2000).
Konsens in dem Sinne, das gesagt wird: „Ja gut, hin und wieder gibt es sicherlich Leute, die genau das sagen: Windenergie ja, aber nicht hier. Aber im Großen und Ganzen reicht das überhaupt nicht aus, um den Widerstand gegen Windenergie vielerorts zu erklären.“
Das wirft die Frage auf: Wenn es nicht NIMBY ist, was ist es dann?
Ich habe mir in meiner Masterarbeit drei Ansätze dazu angeschaut.
Alle drei konnten eine Erklärung liefern für die Fälle von lokalen Windenergieprojekten, die ich mir angeschaut habe.
Und einen davon möchte hier vorstellen.
Weil er einen so schönen Kontrast zum NIMBY setzt.
Und ein besseres Verständnis von Windenergiekonflikten bedeutet.
Wenn dich interessiert, wie dieses Verständnis aussieht – dann ließ weiter!
Was in den vorherigen Artikeln schon deutlich wurde, ist:
Es geht bei der Ablehnung von Windenergie vor Ort häufig um Gerechtigkeitsthemen.
Es geht darum, ob man gefragt wurde.
Ob man mitentscheiden konnte.
Ob man auch finanziell profitiert.
Und wenn das nicht so ist – dann ist man halt dagegen.
Die NIMBY-Erklärung übersieht all diese Aspekte.
Und macht damit Probleme unlösbar.
Was willst du auch machen, wenn du denkst, dass die Leute einfach sagen: „Windenergie ja, aber nicht hier.“
Dann gibt es nur: Friss oder stirb.
Dann setzt du denen das halt vor die Nase, scheiss-egal ob die das wollen oder nicht.
Oder der Widerstand dagegen wird halt so groß, dass das Projekt stirbt.
Aber mit NIMBY-Leuten und ihren egoistischen Motiven kannst du ja nicht reden.
Was willst du da auch verhandeln?
Ja, aber nicht hier. Da gibt es keinen Spielraum.
Keinen Grund, um über irgendetwas zu reden.
Und das ist das Problem daran, wie verbreitet die NIMBY-Erklärung ist.
Sie ist eben nicht nur falsch.
Sie vermittelt auch ein Bild, dass – wenn man es ernst nimmt – keinen Nutzen für Diskussionen, für Teilhabe etc. mehr erkennt.
Und damit das zugrunde liegende Problem nur noch verschlimmert.
Deswegen:
Ist es eine treffendere Formulierung, Widerstand gegen Windenergie so zu beschreiben:
Nicht: „Windenergie ja, aber nicht hier!“ (NIMBY)
Sondern: „Windergie ja, aber nicht so!“
Aha!
Die Menschen wollen eine ‚andere Art der Energiewende‘ (Arifi & Winkel 2020).
Und damit lässt sich dann ja viel machen.
Mit dieser Sichtweise lohnt es sich, zu fragen:
Ah, und auf welche Art denn anders?
Auf einmal hat Teilhabe einen Sinn.
Und auf einmal sind Lösungen in Sicht.
Und dabei können ganz unterschiedliche Aspekte hervorkommen.
Die sich auch von Ort zu Ort doll unterscheiden.
An einem Ort mag es heißen:
„Windenergie ja, aber nicht im Wald.“
Dann einigt man sich vielleicht darauf, die auf dem Acker nahe des Ortes hinzustellen.
An einem anderen Ort mag es heißen:
„Windenergie ja, aber nicht so nah an Siedlungen.“
Dann könnte man sich dort darauf einigen, die in das Waldstück weiter weg zu stellen.
An wieder einem anderen Ort könnte es heißen:
„Windenergie ja, aber nur wenn das Geld hier vor Ort bleibt.“
Dann macht man dort ein umfangreiches finanzielles Beteiligungsprojekt.
Das Ding ist: In all diesen Orten ist Windenergie möglich. In all diesen Orten ist aber auch Widerstand gegen Windenergie möglich. Es kommt darauf an, die Gründe zu verstehen und dann eine Lösung dafür zu finden.
Und nicht pauschal zu sagen: „Die sind zwar für Windenergie aber wollen das nicht bei sich im Ort, die Idioten!“
Doch, die wollen das auch bei sich im Ort. Aber halt wenn die Art und Weise für sie passt.
Ich gehe ehrlich gesagt schwer davon aus, dass den allermeisten Windenergie-Projektier:innen das mehr als bewusst ist.
Aber grade im öffentlichen Verständnis ist die NIMBY-Erklärung immer noch omnipräsent.
Besser träfe es aber das Verständnis: Die Menschen sind schon für die Energiewende, bloß für eine andere Art der Energiewende (z.B. eine gerechtere).
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