Wenn man so einen Blog betreibt, läuft man natürlich immer Gefahr, dem Modus der „kritischen Kritik“ (Marx) zu verfallen, also sich nicht politisch zu betätigen sondern immer nur zu kritisieren und nichts beizutragen, was die Welt zum positiven verändern würde.
Deshalb, in Fortführung des letzten Artikels – heute mal einige Best-Practice Beispiele für einen Windenergieausbau, der sowohl gerecht als auch effektiv ist.
Kurze Info zum Hintergrund dieser Beispiele:
Diese Beispiele habe ich im Rahmen eines Praktikums bei JustWind4All recherchiert.
Dort haben wir sie in Präsentationen und Diskussionen verwendet.
Ich fand aber viele von ihnen so interessant, dass ich sie auch hier nochmal gerne vorstellen möchte.
Viel Spaß!
Naja, aber erstmal: Was ist denn gerecht?!
Gerechtigkeit ist ein wahnsinnig weit verbreiteter Begriff.
Und er ist irgendein Mix aus Gefühl und Beobachtung: „Das fühlt sich ungerecht an!“ und „Das ist ungerecht!“
Ich benutze ihn manchmal synonym mit „Fairness“ (auch wenn es da sicher Debatten gibt, dass das zwei unterschiedliche Begriffe sind).
Und diese grundsätzliche Wahrnehmung von Fairness haben alle.
Und, an dieser Stelle einzuschieben: Nicht nur Menschen. Wie in diesem bekannten Video zu sehen ist:
Bei dem im Video gezeigten handelt es sich um eine Form von distributiver (Un-)Gerechtigkeit: Ein Akteur bekommt mehr als ein anderer.
Es gibt aber auch weitere Formen von Gerechtigkeit.
Und damit sind wir bei den akademischen Definitionen von Gerechtigkeit im Energiebereich angelangt.
Diese enthalten klassischerweise drei Dimensionen (vgl. Castán-Broco 2018, Schlosberg 2007):
- distributive Gerechtigkeit
- prozedurale Gerechtigkeit
- anerkennede Gerechtigkeit
Bei der distributiven Gerechtigkeit geht es, wie im Video gesehen, um Verteilungsfragen. Es geht darum, wer was bekommt, wem was gehört und inwieweit die dabei bestehenden Unterschiede als (un-)angemessen wahrgenommen werden.
Im Falle der Windenergie geht es dabei vor allem um Fragen der Verteilung der finanziellen Gewinne, die mit Windenergie erwirtschaftet werden können, und um die Verteilung der Lasten, wie Landschaftsveränderungen, die mit der Errichtung von Windrädern einhergehen.
Bei prozeduraler Gerechtigkeit geht es um Entscheidungsprozesse. Es geht um die Frage, ob diese transparent sind, wer daran teilhaben kam und wer mit welcher Macht ausgestattet ist, um Entscheidungen zu treffen. Bei Windenergie betrifft das vor allem die Planungsverfahren, die dem Bau von Windenergieanlagen vorangestellt sind, und eventuelle, darüber hinausgehenden Beteiligungsverfahren seitens der Projektierer.
Bei anerkennender Gerechtigkeit, geht es um das „gesehen werden“, das im letzten Artikel auch immer wieder anklang. Es sind Fragen des Respekts und der Achtung vor anderen Menschen und ihrer Kultur und Lebensweise, die hier eine Rolle spielen. Diese mag zwar weniger greifbar sein als die anderen beiden Dimensionen, in denen man immer darauf verweisen kann, wieviel Geld jetzt an wen fließt und wieviele Leute jetzt dazu befragt wurden. Aber sie ist dennoch – oder grade deswegen – nicht weniger wichtig, denn Menschen haben schon ein Gespür dafür, wie sie behandelt werden und grade daran können sich viele Konflikte entzünden.
Und Effektivität?
Effektivität betrifft beim Bau von Windenergie vor allem die Faktoren Zeit (Wie schnell kann gebaut werden?), Geld (Wie kostengünstig kann gebaut werden?), Ressourcen (Wie ressourcenarm kann gebaut werden?), Sicherheit (Wie sehr kann zu einer sicheren Energieversorgung beigetragen werden?), Politik (Wie sehr trägt der Ausbau zum Erreichen politischer Ziele bei?) und Umwelt (Wie umweltverträglich kann gebaut werden?).
Wobei letzter Punkt auch der distributiven Gerechtigkeit zugeschlagen werden kann, wenn dabei auch nicht-menschliche Akteure in die Verteilungsfragen mit einbezogen werden.
Effektivität vs. Gerechtigkeit?
Ein bekanntes Phänomen – nicht nur bei der Windenergie – ist es, nun Gerechtigkeit gegen Effektivität auszuspielen.
Nach dem Motto: „Oh nein! Prozedurale und distributive Gerechtigkeit, das kann doch nur alles langsam und teuer machen!“
Wie ich letzte Woche schon beschrieb, kann aber auch das genaue Gegenteil der Fall sein. Und grade das Verzichten auf Gerechtigkeit kann dazu führen, dass ein Projekt langsam und teuer wird, etwa weil es mit immer neuen Klagen konfrontiert wird, was zum Beispiel Schall und Artenschutz angeht, obwohl das eigentliche Problem eine mangelnde Gerechtigkeit ist, die aber ignoriert wird.
Deshalb geht es hier jetzt darum, Beispiele aufzuzeigen, wie Windenergieausbau sowohl gerecht als auch effektiv sein kann.
Beispiele
Samsø
1997 veranstaltete die Dänische Regierung einen Wettbewerb darum, wer Modellgemeinde für den Wandel von fossiler Energie zu komplett erneuerbarer Energie werden möchte.
Und Samsø – eine Dänische Inselgemeinde in der Ostsee – reichte ein Konzept ein.
Wie weit das damals weg war von den Bedingungen auf der Insel, die massiv auf Öl und Gas angewiesen war, lässt sich zum Beispiel zu Beginn dieses Podcasts hören.
Das Konzept von Samsø beinhaltete vor allem einen starken Fokus auf Beteiligung – so wurde die Inselbevölkerung miteingebunden in der Entscheidung, wo Windräder entstehen könnten, und eine Kooperative gegründet, durch die alle Inselbewohner, die wollten, Windpark-Miteigentümer werden konnten.
Auch hier zeigte sich dann das aus dem letzten Artikel bekannte Phänomen: „Windmills are much prettier when you are a co-owner, making money when the wind is blowing“ (WENDY 2023).
Auch wurde eine Arbeitsgruppe „Erneuerbare Energien“ gebildet, deren Veranstaltungen in den öffentlichen Terminkalender der Insel mit aufgenommen. Dadurch wurden sie zu einer normalen „Routine“ auf der Insel, Teil des Alltags.
Damit wurden Strukturen geschaffen, in denen Konflikte, wenn sie aufkamen, gelöst werden konnten.
Die Laufzeit der Windkraftanlagen, auch wenn sie jetzt schon 25 Jahre dort stehen, wurde jüngst verlängert.
Wer noch einen wissenschaftlicheren Blick auf Samsø (und auch das weiter unten behandelte Feldheim) sucht, findet ihn hier: Mundaca et al. 2018
Belgische Offshore-Kooperative SeaCoop
Bürger:innenbeteiligung schön und gut, aber…
Die größte Stärke davon – nämlich die Verankerung vor Ort – ist gleichzeitig auch eine Schwäche.
Denn die größten Windparks, die mit dem stärksten und konstantesten Wind, die stehen nunmal auf See. Und da wohnt – für gewöhnlich – niemand vor Ort.
Zumal auch die Investitionskosten bei einem Offshore-Windpark höher sind und für gewöhnlich nur die „big players“ hier mitmischen und keine Bürger:innen-Initiative.
Wie also kann distributive Gerechtigkeit bei diesen Windparks erhöht werden?
Diese Frage haben sich Bürger:innenwindparks in Belgien auch gestellt – und eine Antwort gefunden: Mit der SeaCoop.
33 bereits bestehende Erneuerbare Energien Projekte in Bürger:innenhand haben sich zusammengeschlossen, um gemeinsam einen Teil eines neu entstehenden Offshore-Windparks zu kaufen – und damit einer halber Million Belgier:innen eine Beteiligung an dem Offshore Windpark zu sichern. Einfach, indem man bereits Mitglied ist oder Mitglied wird in einer der teilnehmenden Kooperativen bei sich in der Nähe.
Mehr Infos dazu findet ihr hier (auf englisch): https://seacoop.be/en/citizen-offshore-power/
Middelgrunden
Wenn auch nicht in dieser Größenordnung, so wurde auch andernorts wurde schonmal Offshore-Beteiligung umgesetzt.
Und zwar in Kopenhagen.
Hier gibt es nämlich reichlich Anwohner:innen in direkter Nähe. Die aufgereihten Windräder des Middelgrunden Windparks sind, wenn man in Kopenhagen an der Küste steht, gut zu sehen.
Entsprechend wurde hier recht ähnlich wie bei vielen Projekten an Land ein Finanzierungsmodell gewählt, in dem ein Teil des Windparks (in dem Fall etwa die Hälfte) einer Kooperative aus Leuten vor Ort gehört.
Mit einer Platzierung so nah und prominent an der Küste gehen aber andere Probleme einher – etwa was die Schiffahrt angeht, oder den Tourismus, der davon möglichst wenig beeinträchtigt werden soll.
Hier wurde entsprechend überlegt: Wie kann man verschiedene Nutzen an einem Ort versammeln?
Und seither bietet der Windpark Bootstouren und Besichtigungen (inklusive auf’s Windrad steigen) an – mit im Jahr 2023 1600 Besucher:innen bei 95 Fahrten!
Die Website des Middelgrunden-Windparks (auf dänisch, die englische Seite scheint wieder nicht so aktuell zu sein): https://www.middelgrunden.dk/
Hier nochmal eine englische Übersichtsseite: https://maritime-spatial-planning.ec.europa.eu/case-studies/visiting-middelgrunden-wind-farm
Energieautarker Ort Feldheim
Etwas unaufwendiger ist der Besuch des Ortes Feldheim in Brandenburg.
Hier werden alle drei Monate Spaziergänge und Vorträge angeboten, zu denen man sich anmelden kann (genau: hier).
Und warum ist das interessant?
Weil Feldheim der erste und einzige Ort in Deutschland ist, der völlig energieautark ist.
Das heißt, der Ort versorgt sich komplett selber mit Elektrizität und Wärme.
Und die Geschichte dahinter finde ich auch spannend. Denn es ist so ein bisschen: „Eines kam zum anderen…“
Nach der Wende 1990 wurde zunächst die LPG, die zuvor bestand, in eine Agrargenossenschaft überführt, sodass die Flächen vor Ort weiterhin den Menschen vor Ort gehörten.
Dann stand Mitte der 1990er ein junger Student aus der Gegend auf der Matte, und wollte auf diesen Flächen Windräder bauen, wozu er eine Firma und sich im Ort eine weitere Kooperative gründete.
Aus zunächst vier Windrädern wurden mehr.
Und entscheidende weitere Schritte waren dann: Der Bau einer Biogasanlage für Wärme auf Initiative der Agrargenossenschaft hin.
Und der Bau und die Genehmigung eigener Strom- und Gasleitungen, durch die die Energie direkt zu den Verbrauchern im Ort geleitet werden kann, ohne etwa Netzentgelte zu bezahlen.
Das Ergebnis?
Strom, der nur etwa halb so teuer ist wie im Rest von Deutschland.
Null Stromausfälle. Der Strom lief hier sogar weiter, wenn er in der Umgebung mal ausfiel.
…entsprechend hoch ist das (Medien-)Interesse aus aller Welt. Deshalb gibt es hier noch einiges zum Weiterlesen.
Zunächst mal auf der Website des Neue Energien Forums Feldheim: https://nef-feldheim.info/
Ein aktueller Videobeitrag: https://www.zdfheute.de/wirtschaft/energiewende-vollendet-feldheim-brandenburg-energieversorgung-autarkie-100.html
Ein Artikel (den es auch als Podcastfolge gibt): https://www.deutschlandfunkkultur.de/feldheim-in-brandenburg-ein-dorf-schafft-die-klimawende-100.html
Ausblick
Nach diesen Positiv-Beispielen geht es nächste Woche dann weiter mit Windenergie-Beteiligung gone wrong. Denn es ist auch kein Allheilmittel, überall einfach ein Dialogformat oder eine finanzielle Beteiligung draufzuklatschen und zu denken, damit würde alles gut. Denn es kommt schon auch auf die Intention und den Zeitpunkt drauf an.
Bis dahin!
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