Wechselspiel von All und Alltag

Wie verläuft die Zeit?
Na, gradlinig! Also von gestern nach heute nach morgen.
Von eben nach jetzt nach gleich.

Das muss aber nicht so sein!
Anderswo mag die Zeit auch im Kreis verlaufen.
Von Frühling nach Sommer nach Winter zu Herbst und wieder von vorn.
Von Geburt zum Tod zur Wiedergeburt zum Tod und von vorn.

Verläuft jetzt die Zeit an dem einen Ort gradlinig und an dem anderen kreisförmig?
Ich würde vermuten, sie verläuft an beiden Ort genau gleich.
Sie wird nur anders verstanden.

In dem Sinne ist Zeit nur ein Konstrukt!
(Und dennoch eine eher weniger gute Ausrede für’s Zuspätkommen.)

Der Punkt ist: Selbst so grundlegende Dinge wie Zeit,
etwas, das unser Handeln als Menschen dermaßen beeinflusst,
ist auch nur eine Art und Weise, auf die Welt zu schauen.
Es gibt auch andere.

Und diese sind in unterschiedlichen Situationen unterschiedlich nützlich.

Also zum Beispiel, wenn ich einen Termin noch erreichen will, dann hilft es mir recht wenig, mir zu vergegenwärtigen, dass die Bäume, die jetzt noch kahl sind, bald wieder Blätter bekommen und in voller Blüte stehen werden, bloß um zu verwelken und abzufallen und erneut zu Erkahlen in Erwartung eines neuen Frühlings. Dann hilft es mir eher zu wissen, oh, gleich ist der Termin und ich muss jetzt dringend reinhauen, weil eben hab ich noch gechillt.

Was ich spannend finde, ist aber, dass man zwischen den Zuständen auch wechseln kann.

Dass ich mich vor dem Termin in eine lineare Zeit hineindenken kann. Und später beim Nachhausekommen beim Blick in den Abendhimmel mir vergegenwärtigen kann, dass nun ein Tag vergangen ist, aber morgen ein neuer beginnt. Oder dass ich grade auf einem kleinen Gesteinsball namens Erde mit x-tausend Km/h durch’s Universum baller und hier grade an einem Meeting teilgenommen habe, dessen Zähigkeit dazu in krassem Kontrast stand.

Ich finde diese Wechsel total schön.
Und mein Vorschlag wäre, häufiger mal zu wechseln.

Weil, immer nur in einem Modus ist irgendwie blöd.

Entweder, du verbringst tagein, tagaus damit, gradlinig dein Leben auf einem linearen Zeitstrahl auf einer festen Oberfläche namens Erde zu verbringen, ohne einmal die Unendlichkeit des Universums und die zyklischen Rhythmen der Natur anzuerkennen. Was irgendwie ein bisschen fad ist, wenn das fehlt.
Oder du bist den ganzen Tag mit dem Kopf in den Wolken. „Wow, wir rasen einfach mit so einem Planeten durch’s All…“ – diese Feststellung ist im Supermarkt einfach nicht so hilfreich. Es hilft dir nicht dabei, deine Einkaufsliste abzuarbeiten oder herauszufinden, wo jetzt der Pak Choi steht.

Aber: Wenn sich Menschen treffen und sich fragen, ob sie einen Krieg beginnen sollen, dann finde ich es schon sinnvoll mal innezuhalten und zu anzumerken: „Ihr seid auf einer Gesteinskugel, die mit x-tausend Km/h durchs All fliegt und ihr wollt was…?!“

Denn das ist für mich die leichtpolitsche Implikation des Ganzen:
In der Politik findet meinem Eindruck nach zu selten ein solcher Wechsel statt – vom politischen Alltag zum großen Ganzen und zurück.


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